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6. Kapitel: Frau Zaehs zaeher Tod

Natürlich hatte die Zäh mit gelauscht. Sie konnte Anna auf den Tod nicht ausstehen. Es war ihr recht egal, welches unnahbare Geheimnis die Erblindende umgab. Alleine die Tatsache, dass sie ihren Herrn Pfarrer in seiner verdienten Ruhe bedrohte, machte sie in ihren Augen zu einem Schädling, den es zu vernichten galt. Die Zäh dachte daran, wie sie am Morgen genüsslich einen Käfer mit blossen Fingern zerquetscht hatte. Sie überlegte sich, wie sie die Pur ausschalten konnte. Am liebsten hätte sie sie die Treppe hinab gestossen. Aber das wäre wohl zu auffällig gewesen.

Frau Zäh begab sich in ihr Zimmer und schloss die Türe hinter sich ab. Auf ihrem Bett lag das lachsfarbene Nachthemd, welches einen wunderbaren Kontrast zu ihrem Haar bildete. Sie schminkte sich mit etwas Lotion ab und sah in den Spiegel.
Dort blickte ihr die alte Frau, die sie nun war, entgegen. Rosmarie musste daran denken, wie schön sie einst gewesen war. Sie berührte ihre Brüste, die sich noch immer voll anfühlten. Ihre Gedanken schweiften ab in jene Zeit, in welcher sie liebte und geliebt worden war. Sie knöpfte langsam ihre Bluse auf und liebkoste ihre Brustwarzen. Ihre Hände fuhren zu ihrem Haar, um den Knopf zu lösen. Ihr lilafarbenes Haar fiel auf ihre Schultern. Doch sie sah im Spiegel nur noch das Mädchen von 20, welches sie einmal gewesen war. Ihre linke Hand fuhr unter den Rock und sie suchte sie den Weg zu der Stelle, die ihr einst Lust bereitet hatte. Rosmarie lächelte zuerst sanft, dann verzerrt, als die Wogen des Verlangens in ihr auffluteten. Bald würde sie zu Bett gehen, um sich ein wenig Ruhe und Entspannung und vielleicht sogar einen Orgasmus zu gönnen.

Sie nahm ihr Gebiss heraus und legte es in das Glas. Die alte Dame legte ihre Kleider über den Stuhl und bereitete alles für den nächsten Tag vor. Dann kroch sie in ihr Bett und deckte sich zu.

Sie hatte schon geschlafen, als sie plötzlich unglaubliche Angst verspürte. Sie glaubte zu ersticken. Irgendetwas riesiges befand sich in ihrem Mund. Sie konnte nicht mehr schlucken. Ihre Heuallergie und die damit die verstopfte Nase taten ihr übriges. Sie lief blau an. Ihre Augen quollen langsam hervor. Sie wollte schreien, aber ihre Stimme versagte. Rosmaries Hände krallten sich in die Matratze. Sie richtete sich auf und blickte dem breit grinsenden Tod ins Gesicht. In diesem Moment des totalen Schreckens versagte ihr Herz. Sie starb.

An jenem Sonntagmorgen ging Anna im Haus umher und schaltete jeden Radio ein, den sie finden konnte. Der Lärm, so dachte sie erst, würde gar die Toten im Friedhof aufwecken können. Sie stellte sich das Gesicht der Alten vor, wenn erst die halbverfaulten Leichen längst und kürzlich verstorbener Dorfbewohner sich zu einem munteren Tänzchen im Pfarrgarten treffen würden.

Jo war geschockt, als er den leblosen Körper seiner Haushälterin im Bett liegend auffand. Als die Zäh am Morgen nicht aufgetaucht war, hatte er erst mit Anna noch darüber gewitzelt, dass sie wohl verschlafen habe. Als sie um elf Uhr noch immer nicht unten war, ging Jo in ihre Kammer. Die Zäh lag da, verkrümmt, die Augen weit aufgerissen, die langen dünnen Finger ins Bett gekrallt und den Mund weit offen. Jo rief sofort die Polizei.

Der Polizeiarzt schüttelte den Kopf, als er den Leichnam inspizierte. Jo fragte ihn, warum er dies tat.
„Wissen Sie, warum Frau Zäh ihr Gebiss vertikal in ihrem Mund stecken hatte?“


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