1. Kapitel: Bruder Todth zum ersten

Wollte man es genau nehmen, so war Bruder Todth an jenem denkwürdigen Tag in mein Leben getreten, als ich bei Rotlicht über die Kreuzung bei der Kaiser-Willhem-Gedächtniskirche gefahren war. Ich verursachte damit in der Folge bei mir und fünf weiteren Verkehrsteilnehmern Totalschaden. Eigentlich hatte ich bei der ganzen Sache auch noch heidenmässiges Glück gehabt, wenn man von den Knochenbrüchen und meinem durch absplitternde Glasscherben entstellten Gesicht absah. Niemand war wirklich umgekommen.Ich war lediglich schlecht versichert.

Wollte man es noch viel genauer nehmen, so war mir der Bruder Todth schon sehr viel früher über den Weg gelaufen. In einem schmuddeligen Restaurant in Berlin-Charlottenburg hatte ich einen Mann getroffen, welcher keine Arme besass. Auch seine Hände waren ihm irgendwie abhanden gekommen. Er sass auf einem jener unbequem aussehenden Barhocker. Ich hatte mich beim Anblick des Mannes gefragt, wie er es geschafft hatte, sich auf dieses Höllenmöbel zu hieven.

Seine Kleidung war in eleganter Weise dunkel. Das kreideweisse, mit Sommersprossen übersäte Gesicht stach unter dem feuerroten Haar hervor.
Er blickte mich freundlich, aber nicht besonders beeindruckt von meiner Gestalt, an, als ich mich neben ihm hinzusetzen versuchte.

– „Du siehst wohl nicht besonders gut“ bemerkte er trocken mit Blick auf meine dicke Brille.
Ich nickte.
– „Und du scheinst keine Arme zu haben“, entgegnete ich.
Auch er gab mir recht.
Der Armlose wirkte nicht sonderlich alt, höchstens 20 oder 40 oder 60.
– „Haben dir denn deine Hände nie gefehlt?“, wollte ich wissen. Ich zerplatzte innerlich beinahe aus lauter Neugierde. Ich musste Gewissheit erlangen.
Er lächelte traurig..
– „Willst du die Geschichte wirklich hören?“
Ich nickte eifrig.
– „Ich meine damit, bist du bereit, dich den Wahrheiten des Lebens zu stellen? Es wird für dich kein Zurück mehr geben danach. Wenn du Glück hast, wirst du deinen Sinn finden. Vielleicht aber wirst du für den Rest deines kleinen Lebens danach suchen.“
Ich nickte mir fast den Kopf vom Hals. Ich verlangte wie eine Verdurstende nach dem Wissen. Das Thema klang in meinen Ohren vielversprechend, und geheimnisvoll.

– „Also“, begann er, „als kleiner Junge habe ich Hunderte von Büchern gelesen. Ich besass sehr gelenkige Füsse, so dass ich mit dem einen Zeh das Buch halten und mit dem anderen die Seiten umblättern konnte. Es störte mich nicht so sehr, dass ich von Geburt an keine Arme besessen hatte. Wie ich da so gelegen und gelesen hatte, erfuhr ich von all den grossen Gefühlen und den phantastischen Abenteuern, von Männer und Frauen, von Liebe und Tod. In jenen Stunden, wo ich als Kind so glücklich war, hatte ich mir vorgenommen, ein Schriftsteller zu sein.Doch sehr schnell bemerkte ich, dass ich zum Schreiben meine Hände hätte gebrauchen können. Ich hatte damals nicht die Möglichkeiten von heute. Es gab keine Sprachcomputer. Also sprach ich all meine Worte und Gedanken auf Tonband.Langsam wurde ich älter. Die Kassetten begannen sich in meiner Wohnung zu unbezwingbaren Bergen zu türmen.“

Ich hing an den Lippen des Armlosen. Ich saugte seine Worte aus seinem Gehirn heraus, hoffte aus ganzem Herzen, er käme nicht plötzlich auf die Idee, mit seiner Geschichte aufzuhören.
– „Ich begann, den Bruder Todth zu erwarten. Meine Sehnsucht, ihn zu empfangen, so wie man es mit einem langersehnten, guten Freund tut, wurde mit jedem unvollendeten Tag stärker.

Ich setzte mich in einen Zug und fuhr in Richtung Norden, hinauf zum Meer. Ich hatte mir vorgenommen, mich irgendwo dort in der Ferne von den Klippen ins nasse Nichts zu stürzen. Der Zug jedoch machte mir einen tüchtigen Strich durch die Rechnung und entgleiste zwischen Berlin und Hamburg. Viele Leute kamen bei dem Unglück um oder wurden schwer verletzt. Mir geschah jedoch wie durch ein Wunder nichts. Mein Sitznachbarin, eine junge Frau, war bei dem Aufprall bewusstlos geworden, nachdem ihr ein Koffer auf den Kopf gefallen war. Ich umklammerte ihren Körper mit meinen Beinen und Füssen und zog sie so aus dem Abteil. Ich rettete ihr in dem Bewusstsein das Leben, dass sie mir das meinige gerettet hatte.
Der Tod war vergessen. Jede einzelne Faser in mir begehrte diese Frau.”

Ich versuchte, mir den Armlosen als leidenschaftlichen Liebhaber vorzustellen. Zu meiner grenzenlosen Verwunderung gelang mir dies mühelos. Ich fühlte mich unanständig und ruchlos, weil ich die ganze Zeit auf seine roten Haare starren musste. Ich musste auf ihn absolut grotesk wirken. Aber er gefiel mir.

– „Ich hatte mich gefürchtet, ihr all das zu gestehen, was ich für sie empfand. Mir war immer nur vor Augen, dass ich sie niemals mit zärtlichen Händen würde berühren können. Ich fühlte mich wie ein Monster, abstossend und nicht normal. Ich dachte daran, dass ich sie, diese geliebte Frau, niemals mit starken Armen würde umarmen können. Ich wollte sie nie mehr wiedersehen.“
Er räusperte sich.

„Doch sie war voller Dankbarkeit für mich und hatte gar nicht vor, unter unser gemeinsames Erlebnis einen Schlussstrich zu ziehen. Ich war gemein zu ihr, wollte sie so sehr demütigen, damit sie mich hasst, damit ihr der Abschied leichter fallen würde. Ein allerletztes Mal wollte sie mich sehen. Ich liess es zu, in der Hoffnung, dass es bald vorbei sein würde.Wie sie so in meiner Wohnung dagestanden hatte und meine Umgebung in Augenschein nahm, entdeckte sie die Kassetten. In dem Moment wusste sie alles. Ich brauchte ihr nichts zu erklären.“

Ich wurde hellhörig:
– „Was wusste sie?“
– „Wir liebten uns. Wir waren unser beider Schicksal. Von dem Tag an waren wir nicht mehr getrennt. Ohne sie hätte ich kein einziges Buch veröffentlicht.“

Ich schüttelte den Kopf.
– „Wenn es dein Schicksal ist, Schriftsteller zu sein, so wärst du es ohnehin geworden. Deine Frau war vielleicht einfach der endgültige Auslöser.“
Daraufhin entgegnete der Armlose zunächst nichts.
Ich erwartete seine Worte. Die Stille zwischen uns machte mich unruhig.
– „Du wartest auf deine Frau?“ , fragte sie schliesslich, um sie zu unterbrechen.
Der Armlose sah mich aus meerwässrigen Augen an. Zuerst glaubte ich, einen beinahe traurigen Ausdruck in ihnen erkennen zu können. Doch der Armlose begann, sanft wie ein kleines Kind an der Mutter Brust, zu lächeln.
Ich liess nicht locker.
– „Wann kommt sie denn?“
Er räusperte sich, und sah mich, das dreizehnjährige Mädchen ,schliesslich unverwandt an.
– „Ich habe sie heute begraben.“

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