10. Kapitel: Das Willkommensessen

Ihr gläubiger Bruder war ein wahrer Menschenfreund, wie Anna am eigenen Leib hatte erfahren dürfen. Deshalb hatte er es sich zur Aufgabe und Tradition gemacht, alle neuen Einwohner des Dorfes an einem Abend des Jahres einzuladen und mit einem geradezu lukullischen Mahl zu verköstigen. Ein wenig hoffte er auch, die brenzlige Atmosphäre, die in dem Dorf herrschte, mit dem Essen besänftigen zu können. Anna hielt ihn aus diesem Grunde für einen ziemlichen Dilettanten.

Sie hatte an jenem Abend nicht sehr viel zu tun. Jo erwartete lediglich ihre Anwesenheit. Sie hatte eines seiner barmherzigen Werke zu repräsentieren. Da hatte sie nicht mehr sehr viele faule Ausreden zur Hand. Sie steckte in der Schuld ihres Bruders. Anna tröstete sich mit der Tatsache, dass sie wenigstens keinen der Gäste anzuschauen brauchte.

Meistens kochten Bruder Bernhardt und Bruder Alphons vom benachbarten Kloster. Jo hatte die beiden an einem Aktionstag gegen Abtreibung kennengelernt. Daraus war wohl Freundschaft aus dem gemeinsamen Kampf gegen die Verrohung der Gesellschaft, die Selbstbestimmung der Frau und die Ablehnung der Glaubensgrundsätze geworden.

Dreissig Leute waren sie an jenem Abend.
Sie sassen im Felsenkeller des alten Gemeindehauses auf gepolsterten Stühlen. Es war interessant, den Leuten beim Essen und Reden zuzuhören. Anna fühlte sich geradezu in ein barockes Gemälde zurückversetzt. Die einen sprachen den ganzen Abend ununterbrochen über Gott, so als ob sie niemals etwas anderes getan hätten.. Anna merkte schnell an ihrer Ausdrucksweise, dass das Gegenteil zutraf. Sie ahnte, dass sie ja auch nur einen guten Eindruck erwecken wollten.

Jo schien ihnen die ganze Heuchelei wert. Man konnte nie wissen, wann einem die guten Beziehungen zu einem Gottesmann nützlich sein konnten. Und da der Papst ohnehin jeden Monat einen dieser Gattung Mensch selig sprach, lohnte sich der Aufwand doppelt.

Dabei hätten sich die Esser gar keine so grosse Mühe zu machen brauchen. Jo war nur schon überglücklich, dass sie sich überhaupt an seiner Tafel eingefunden hatten. Er brauchte Freiwillige und gute Kirchgänger. Der nächste Missionsbazar bestimmt statt.

Die anderen, welche weniger von Dingen sprachen, von denen sie ohnehin nichts verstanden, verschlangen das Essen mit lauten Tönen. Sie schmatzten, schluckten, schnauften, verdrückten Rülpser und Fürze und schlangen herab, als wären sie direkt aus dem Sahel an Bruder Jo’s reiche Tafel verschlagen worden.

An Annas Seite sass ein junges Pärchen, das im Gegensatz zu den Parasiten, geradezu aus der Reihe tanzte. Sie konnte die beiden fast nicht erlauschen, während sie assen. Es schien ihr, als zögen auch sie das Schweigen dem unmotivierten Gerede vor.

Er besass eine ziemlich tiefe Stimme, welche wohlklingend in Annas Ohren hallte. Er schien aber nicht alt zu sein, wie seine Stimme sie zuerst vermuten liess. Sie erfasste auch, dass er sie von Zeit zu Zeit ansah. Sie spürte seinen Atem an ihrem Gesicht vorbeiziehen.

Nachdem das Essen beendet war, kam sie zu folgendem Schluss: Bob und Marie schienen einander sehr vertraut. Aber ein Liebespaar waren sie nicht. Diese Sache begann sie zu interessieren.

Anna sollte mit ihrer Annahme recht behalten. Marie war Bobs kleine Schwester. Er arbeitete seit kurzem in der Gemeindekanzlei. Man hatte lange nach einem neuen Angestellten gesucht, nachdem der Alte gestorben war. Kein Mensch, so hatte Anna geglaubt, arbeitete freiwillig in dem Dorf, von dem sie wusste, dass es am Arsch der Welt lag.

Irgendwann am späten Abend, man hatte das Mahl abgeschlossen und nippte nun fröhlich am Digestiv, da richtete Bob seine kostbaren Worte an sie. Er wollte wissen, wie lange sie denn schon hier ansässig sei. Er enttäuschte sie mit seiner Originalität.

Er als Gemeindekanzlist konnte sich jederzeit über jeden Menschen im Dorf informieren, was sie ihm auch ins Gesicht sagte. Sie hasste Smalltalk. Er fragte sie, wie es ihr im Dorf gefalle. Sie war schockiert. Er war langweilig. So verstummte Anna Pur wie ein Fisch auf dem Trockenen.

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