12. Kapitel: Die Nacht

Mitten in der Nacht wachte Anna auf. Sie konnte Stimmen hören, von denen sie zuerst glaubte, sie spielten sich in ihrem Kopf ab. Diese führten nicht zwingenderweise ein Gespräch. Es hörte sich eher wie eine Abfolge von heiseren Schreien und tiefen Ach’s und Oh’s an. Ihre Phantasie konnte ihr das nicht vorspielen. Es musste echt sein. Sie begann zu begreifen.

Anna hatte es nie wahrhaben wollen. Sie beneidete ihren Bruder, besonders in jenem Moment seiner Ekstase. Ihr von wunderbaren Trieben bestimmtes Leben war hier, in diesem Dorf , zum Stillstand gekommen. Es war einfach ungerecht, befand Anna, dass ihr zölibatsverpflichteter Bruder mehr abbekam vom Leben als sie. Ihre Lust hatte begonnen, sich aus dem Staube zu machen.

In Berlin, es schien ihr wie vor tausend Jahren, war Anna nie zu kurz gekommen. Wenn sie jemanden haben wollte, so hatte sie ihn sich immer zwischen die Beine oder sonst wohin holen können.

Nun war man plötzlich gehemmt in seinem Treiben. Wenn man dem Gegenüber nicht in die Augen blicken konnte, lagen Lüge und Wahrheit verflucht nahe beisammen. Jetzt war sie mehr denn je darauf angewiesen, jemandes Stimme zu erlauschen und sich nach dem Tonfall des Ausgesprochenen zu richten. Überhaupt schien das Gehör immer mehr zum Nabel von Anna Purs Welt zu werden.

Der Schlaf wollte sich einfach nicht mehr einstellen. Die Tageszeit war unwichtig. Nacht blieb Nacht, auch wenn die Sonne gleissend hell auf ihr Gesicht schien. Früher hätte sie in dem Zustand äussersten Weltschmerzes angefangen zu malen. Früher wäre sie niemals in dieses dämmrige Gefühl tiefster Depression gesunken. Anna hasste das Früher.

Sie war in ihrem tiefen dunklen Höllenloch voller schwarzer Nebel gefangen. Die Farben fehlten ihr. Ihre Phantasie begann langsam zu verblassen. Ebenso verschwand die Erinnerung an das satte Blau des Himmels über Berlin oder das leuchtende Gelb der Sonnenblumenfelder. Alles um sie herum versank langsam, wie einst Atlantis, in ein stummes Gewühl aus Grau und Schwarz.

Wie sie wieder auftauchte, war es im ganzen Haus still. Jo’s Liebhaber schien sich verabschiedet zu haben. Sie bekam plötzlich Hunger und tastete sich zur Türe. Der Flur war 15 Schritte lang. Dann folgte eine 25-stufige Wendeltreppe, deren Geländer sich zur rechten Hand befand. Im Parterre lag die Küche links von der Treppe. Der Boden war angenehm warm. Der Ofen gab herrlich viel Nähe und Geborgenheit. Sie nahm sich vor, einen Kosenamen für ihn auszudenken.

Den Kühlschrank fand sie nie auf Anhieb. Aus der obersten Schublade links neben dem Schrank entnahm sie einen Strohhalm. Diese Schublade war ihr wichtigstes Ablagefach im Haus. Messer und Scheren hatten da nichts verloren.
Die Kirchenglocke schlug sieben Uhr. Ihr Bruder schlief noch immer den Schlaf des befriedigten Liebhabers. Draussen auf dem Dorfplatz war dennoch einiges los.

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