13. Kapitel: Eine Frau sucht ihren Sohn

Die Rosa Huber suchte wie schon so oft ihren kleinen Sohn. Dieser war elf und seines Zeichens ein unordentlicher Rotzbengel. Manchmal, wenn seine Mutter betrunken war, schlief er in der Kirche, um der morgendlichen Prügelattacke seiner Mutter zu entkommen. Dies tat er mit Vorliebe im Beichtstuhl. Am nächsten Morgen pflegte er dann die älteren Frauen in der Frühmesse zu erschrecken.

Er hatte eine gesunde Abneigung gegen Waschen und Bildung. In Anna Purs Einschätzung war er ein typisch männliches Wesen in vorpubertärer Phase.

Rosa rief so laut seinen Namen, dass sie mit ihrem gehässigen Gekeife dem alten Hahn das Tagwerk stahl. Die Frau tat Anna leid.

Nicht dass der fortgeschrittene Alkoholismus der Frau sie störte. Jeder musste für sich selbst wissen, wie er sich in die Zukunft zu retten pflegte. Ein Kind zu haben, das einen jeden verdammten Tag ermahnte, eine gute Mutter sein zu müssen, war ihrer Meinung nach eine interessante und dennoch grausame Version der Strafe Gottes. Es war hart. Mit Rosa hätte sie nie tauschen wollen, nicht um alle Farben der Welt.

Von einer urplötzlichen Unruhe ergriffen, tastete sie sich davon, zurück in den ersten Stock. Ihr Hunger war verflogen. Sie hatte ein ungutes Gefühl. Angestrengt lauschte sie an Jo’s Tür. Er war fort. Es hatte ja nichts zu bedeuten, sagte sie sich. Doch dieser eine, schlimme Gedanke, der sich in ihrem Hirn einzunisten begann, liess sie nicht mehr in Frieden. Nur weil einer schwul ist, musste sie denken, bringt er noch lange keine kleinen Jungens um.

Jo kehrte um zehn Uhr morgens zurück. Er verschwand in seinem Studierzimmer, ohne auch nur ein einziges Wort an sie zu richten.

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