14. Kapitel: Bruder Todth zum dritten

Zwei Tage später fanden zwei brave Waldarbeiter den toten, steif gefrorenen Körper des Huber-Jungen. Er war genauso zugerichtet wie Philipp Moser. Anna musste daran denken, wie ihr der kleine Huber einmal auf dem Weg zum Dorfladen ein paar Steine ins Gesicht geschmissen hatte. Sie konnte zwar sein Gesicht nicht erkennen, aber sein gellendes Gelächter hatte sich in ihrem Gehirn eingeprägt. Sie wusste, dass ihre Gedanken unmenschlich waren, aber dennoch konnte sie für das tote Kind keine Trauer, sondern nur Genugtuung empfinden.

Die Huberin wollte sich in das Grab des toten Sohnes stürzen. Rosalie, die neue Köchin, erzählte in schillerndsten Farben, was sich während der Bestattung alles zugetragen hatte. Die Vorstellung allein an das Bild, brachte Anna einen kleinen Teil ihres einst hyänenartigen Lachens zurück. Wahrscheinlich, so dachte sie, wäre die Huberin in ihrem Suff ohnehin in die falsche Grube gesprungen.

Jo hatte alle Hände voll zu tun, um seine verwirrten Gemeindeschäfchen zu beruhigen und ihnen Hoffnung zu spenden. Kurzum, er hatte das ganze Chaos ziemlich gut im Griff.

Alle Dörfler hatten sich in der Kirche eingefunden. Das Gotteshaus schien aus allen Nähten zu platzen. Anna vermutete, dass nur die Hälfte wirklich katholisch war. Die anderen hätten ihrer Meinung nach auch gerne draussen feiern können. Jo’s Predigt riss die Leute aus ihrer Lethargie des Schreckens.

Da war lautes Geheul und Geschluchze zu vernehmen. Anna fragte sich, ob man den TV-Stationen eine Aufnahmeerlaubnis erteilt hatte. Sie glaubte an das Gegenteil. Rosalie hatte ihr erzählt, der Gemeindepräsident, welcher vorhatte, ein paar trostvolle Worte an die Mutter zu richten, dies nicht vor laufenden Kameras tun wollte. Er trug nämlich einen violett-rot gefärbten, dicken Furunkel mitten im Gesicht, welchen er nicht der vereinigten Fernsehnation vorführen wollte.

Anna hätte die Beisetzung des toten Kindes wohl sehr schnell vergessen, wäre da nicht die Berührung zwischen Bob und ihr während des Schlussgebets passiert. Als Blinde war sie sitzengeblieben. Das Gerede der alten Weiber hinter ihrem Rücken kümmerte sie herzlich wenig. Jedenfalls spürte sie sein Bein neben ihrem. Diese kurze Berührung brachte sie fast um den Verstand. Sie konnte Bobs tiefe Stimme neben sich hören, wie er betete. Ihre Gedanken verloren sich in wirren Phantasien. Sie musste aus der Kirche heraus. Die Atmosphäre und der ganze Geruch machten ihr zu schaffen. Sie tastete sich unter Protestgeflüster der anderen Gläubigen aus der Kirche heraus. Es gelüstete sie nach frischer Luft.

Wie sie um die Ecke des Hauses getastet kam, wurde sie mit einer Wucht an die Wand gepresst.

„Tu das nie wieder. Hörst du, Anna?“
Jo war hörbar wütend und an der Grenze zum Ausflippen.
„Fick dich ins Knie, bescheuerter Pfaffe!“ herrschte sie ihn an. Er erstarrte und sog die Luft spürbar scharf ein.
Es schien ihr, als wollte er sie nun mit einem heissen Gewitter von Anschuldigungen übergiessen. Er hätte es wohl auch getan, wäre in dem Moment nicht Bob an sie beide heran getreten.

„Es sieht so aus, Herr Pfarrer, als verlange die Gemeinde nochmals nach Ihnen. Die brauchen Sie da vorne. Die Journalisten starten gerade einen Generalangriff auf die Mutter des Kindes.“

Jo stampfte grimmigen Schrittes davon.
„Alles in Ordnung bei Ihnen, Frau Sawatzki?“
Anna blickte ihn unverwandt aus trüben Augen an.
„Sie täuschen sich in mir, Gemeindekanzlist. Das ist nicht mein Name. Ich bin Anna Pur.“
Dann ging sie davon.

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