15. Kapitel: Teilzeit-Blinde

Nachdem Jo sich von der Schmach erholt hatte, die ihm Anna angetan hatte, beschloss er, frischen Wind in ihr Leben zu bringen. Er wollte Gesellschaft für seine Teilzeit-blinde Schwester beschaffen. Aus diesem Grunde lud er nun öfters Bob, Marie und deren Tochter Naomi zum Essen ein. Anna beneidete Naomi aus ganzem Herzen um deren gute Erziehung.

Sie konnte nur erahnen, wie idiotisch sie aussah, wenn sie mal wieder ihren Mund mit der Gabel nicht getroffen hatte. Sie kam sich vor wie ein Baby, klebrig und verschmiert.

Während der gemeinsamen Mahlzeiten ertappte sich Anna, wie sie von Zeit zu Zeit dem Klang von Bobs Stimme lauschen musste. Diese war tief und angenehm. Sie stellte sich vor, wie sie klingen musste, wenn er sehr erregt war.

Bob redete so gut wie nie irgendwelches unnützes Zeug, so wie andere Zeitgenossen es tun. Auch gab er nie gewollt witzig bis peinliche Bemerkungen von sich. Er trank in tiefen Schlücken und zerkaute in kräftiger Weise sein Essen.
Sie fragte sich manchmal, wie sein Gesicht oder seine Haare aussehen mochten. Sie hätte zu gerne an ihm gerochen. Ihren Bruder konnte sie in der Sache schlecht um Hilfe bitten. Der hätte eher, nur um ihr eins auszuwischen, den guten Bob nie mehr ins Pfarrhaus eingeladen.

Rosalie, die Köchin, war unübertrefflich, was Kochen anbelangte. Diskretion jedoch gehörte eindeutig nicht zu ihren Vorzügen. Jo hingegen hatte seine helle Freude an Rosalie. Anna beneidete sie nicht im geringsten. Dazu war das Essen auch viel zu gut. Rosalie war furchtbar aufdringlich im Umgang mit Jo’s Gästen. Sie kümmerte sich in so herzzerreissender Weise um deren Wohl, dass Anna die Frau am liebsten erschlagen oder erwürgen wollte.

Rosalie erzählte oft von ihrer Familie. Das hätte Anna noch nicht einmal so uninteressant gefunden. Doch Lebensgeschichten hatte sie weiss Gott schon in allen Varianten in Berlin gehört.

Und zudem erst noch bessere. Dabei war es wirklich immer das gleiche:
Geburt- Schulzeit- erstes Mal fummeln- die Welt entdecken- erstes mal Sex- erster eigener Fernseher- wichtige Entscheidungen treffen- Erfolg haben- wahnsinnig viel Kohle verdienen- abkratzen

Anna fühlte sich wie eine Prostituierte. Sie hörte den drögen Ausführungen einer noch viel langweiligeren Hausangestellten nur darum aufmerksam zu, um Kartoffelstock à la crème oder Nudelsalat „alla moda di Rosalie“ zu bekommen.

Jo war geduldig und verständnisvoll wie immer. Hätte es einen Preis für den schönsten Heiligen der Kirchengeschichte gegeben, so hätte Jo den Preis noch vor Jesus zugesprochen bekommen. Er lauschte ergriffen den Erläuterungen Rosalies und gab eifrig irgendwelche besonderen Ratschläge oder trostreiche Worte mit auf den Weg. Die Mahlzeiten mit Rosalie entwickelten sich langsam zur Tortur für Anna.

Sie erkannte langsam, was sie schon als Kind erahnt hatte. Jo war ein exzellenter Selbstdarsteller. Er spielte den guten Priester mit erhabenem Lächeln und Geduldsnervenstrang, mit dem sich ein Mörder aufhängen liesse, sehr überzeugend.

Er bemerkte wohlweisslich nichts von Annas wachsendem Misstrauen ihm gegenüber. Jo arbeitete weiter wie immer, als seien die Morde nie passiert. Manchmal zweifelte sie selbst an dem Geschehenen und ihren ganzen Entdeckungen.

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