16. Kapitel: Ruhe und Bewegung

Was sie am meisten bedauerte, war, dass sie Jos rätselhaften Geliebten nie zu Gesicht bekommen würde. Sie war gespannt, wie er sich anhörte und wie alt er war. Vor allem wollte sie wissen, was er so trieb, wenn er nicht gerade mit ihrem Bruder im Bett steckte. Sie machte sich keine grossen Illusionen, dass Jos ihn ihr einfach vorstellen würde. Dabei gehörte sie doch sozusagen zur Familie.

Sie fragte sich, ob sie ihn schon einmal getroffen hatte. Von allen Männern, die regelmässig in Jos Haus ein- und ausgingen, und die sie kannte, war Bob der einzige, mit dem Jo einen engeren Kontakt pflegte. Diesen Gedanken musste sie verwerfen, wollte sie nicht in beissender Eifersucht schwelgen. Doch verhindern konnte sie es letztendlich nicht.

Nachts träumte sie von körperlosen Liebhabern. Noch war sie nicht hoffnungslos verloren, sondern nur grenzenlos einsam. Sie war so allein, dass sie nicht einmal mehr in der Lage war, sich selbst zu befriedigen. Das war wirklich eine tragische Angelegenheit.

Wenn sie nicht schlafen konnte, hörte sie sich stundenlang die leidenschaftlichen Stimme von Nina Simone an. So war sie wenigstens nicht mehr ganz ohne Trost. Sie liebte es, um ein Uhr nachts vor dem Haus zu sitzen. Sie lauschte der Stille. Alles hatte seinen Schlaf.

Nachts, wenn das Leben langsamer pulsierte, fühlte sie sich weniger unnütz und allein. Sie war ein Teil der Ruhe. Natürlich waren noch immer viele Beamte im Dorf unterwegs, um den Bewohnern Sicherheit zu garantieren. Sie stolperten Tag und Nacht durchs Dorf und über die gefrorenen Felder. Anna bereute es, dass sie nun nicht mehr nackt in der Nacht im See baden konnte.

Alle Bewohner wurden der Reihe nach in eilig aufgestellten Notbüros verhört. Sie wunderte sich, dass man sie noch nicht vorgeladen hatte. Sie war denen sicherlich zu uninteressant und zu ungefährlich.

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