17. Kapitel: Die Blinde als Moerderin

Beamter: Haben Sie schon einmal einen Menschen umgebracht?

Blinde: Ich habe jede Menge auf dem Gewissen.

Beamter: Man hat Sie jedenfalls genug bestraft: Sie sind ja jetzt blind.

Blinde: Wie haben Sie das bloss herausgefunden? Sie sind ja richtiggehend intelligent für einen Polizisten.

Beamter: Ich möchte Sie bitten, auf Ihre Wortwahl zu achten. Ich entnehme aus Ihrer Polizeiakte, dass Sie mit 13 das erste Mal von zuhause ausgerissen sind.

Blinde: Es war das erste und das letzte Mal. Ich bin nachher nie mehr nach Hause zurück.

Beamter: Warum haben Sie das getan?

Blinde: Ich hatte es satt, im Schoss einer Familie aufzuwachsen, die mich hasst.

Beamter:Wie kommen Sie denn darauf? Ihre Familie, Ihr Vater, Herr Kommerzialrat Sawatzki, ist doch als sehr ehrenwerter Mann bekannt. Ihre Mutter ist eine Wohltäterin.

Blinde: Da haben Sie recht. Sie tat vor allem jenem unwiderstehlichen Angestellten, der ihre Rosen zu pflegen hatte, viel Gutes. Sie hat ihm bestimmt sogar den Schwanz geleckt, bevor sie ihn vernascht hat. Nur hat sie dem ehrenwerten Herrn Sawatzki vergessen zu sagen, dass seine erstgeborene Tochter Tiziana Julietta nicht von ihm ist. Das ist der Grund für meine Flucht.

Beamter:Haben Sie denn wenigstens Ihren Vater gefunden?

Blinde: Schon. Nur konnte er sich nicht mehr an meine Mutter erinnern. Er hat sehr viele Gärten gepflegt.

Beamter:Sie waren immer wieder in verschiedenen Internaten. Hat es Ihnen da nicht gefallen?

Blinde: Nicht im geringsten. Ich wollte leben. Keine Nonne sein. Ich wollte entjungfert werden.

Beamter:Ist Ihnen wenigstens das gelungen?

Blinde: Ich denke schon. Er war ziemlich genau 40 Jahre älter als ich und hatte keine Arme und Hände.

Beamter: Ich glaube, ich habe genug gehört. Das reicht. Bitte gehen Sie.

Anna empfand die Aufregung um die Toten interessant und unnötig. Das Leben im Dorf entwickelte sich stetig zu einer endlosen Tatort-Folge. Natürlich war es noch immer das selbe, alte Kuhdorf. Das soziale Miteinander hatte deutlich an Bedeutung verloren Sonntags war die Kirche voll wie nie zuvor, Man konnte ja nie wissen, wann das Fernsehen eine exklusive Live-Schaltung in den Gottesdienst machte.

Der Organist, der Küster und die Ministranten waren nervöser denn je. An jeder Ecke der Kirche standen Kameras. Aufgeregte Fernsehleute pirschten wie Soldaten während eines Manövers herum. Die Zeremonie liess Anna an ein bombastisches Kasperle-Theater denken.

Bob und Marie sassen neben ihr. Anna fragte sich, wie sich Bobs Haut anfühlte. Natürlich war ihr klar, warum Bob in den unbequemen Bänken platz genommen hatte und seinen Hintern damit quälte.

„Geniess deinen Geliebten“, dachte sie. Ihr Bruder war ja auch zu schön.

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