19. Kapitel: Die Jagd

Zwei Wochen später kam die Entwarnung. Irgendwo hatte die Polizei einen lange gesuchten Triebtäter verhaften können. Klar. Die gibt’s ja auch wie Sand am Meer.

Das bedeutete für das Dorf, dass die Journalisten ihre Plätze endgültig räumten. Der Fernsehtourismus brach augenblicklich zusammen. Der einzige Postkartenhandel im Dorf machte im nullkommanix bankrott.

Anna war überhaupt nicht beruhigt. Sie hatte angefangen, sich ihre Fingernägel zu zerkauen. Sie war nervöser denn je. Bob und Marie kamen seltener vorbei. Auch Jo wirkte nicht mehr so ausgeglichen wie früher. Mit Anna wechselte er an manchen Tagen keine zehn Worte mehr. Jeder hatte sein eigenes, einsames Leben zu leben.

Eines Nachts wachte sie ruckartig auf.
Es war unheimlich.
Sie konnte Stimmen in Jo’s Zimmer ausmachen. Da war Jo. Scheinbar beherrscht und doch an der Kippe zur Wut. Die andere war nicht ganz so leicht zu erkennen. Doch das Schluchzen wiederum war unschwer zu deuten. Plötzlich konnte sie hören, wie sich die beiden verprügelten.

Blumentöpfe und Vasen fielen zu Boden und zerschellten in surreal anmutenden Tönen. Jemand rannte die Treppe hinab. Sie tastete sich zu Jo’s Zimmer.Es ging ihm sauschlecht, das spürte sie, als sie seinen schnell gehenden Atem hörte.

Jedenfalls stiess er sie wortlos beiseite und stürzte sich auch davon. Anna folgte ihm. Die Treppe war inzwischen zur ihrer täglichen Routine geworden. Sie kannte sie im Schlaf. Draussen vor der Tür brauchte sie nur dem Hall der Schritte zu folgen.
Das war leicht.

Es war schneidend kalt geworden. Der Schnee hatte wie auf Kommando begonnen in dicken Flocken zu fallen. Am Geruch der Bäume notierte sie, dass sie jetzt im Wald sein musste. Vor langer Zeit, vor etwa tausend Jahren, hatte sie grosse Angst vor dem dunklen Wald gehabt.Darüber konnte sie nun nur noch ein mildes Lächeln ausbreiten.

Sie begann zu frösteln und bemerkte erst jetzt ihren Aufzug.
Sie trug ihren Morgenmantel und darunter das hellblaue Nachthemd mit den altrosa Spitzen. Sie spürte, wie sie ihre nackten Füsse nicht mehr zu spüren begann.

Sie hatte die beiden verloren.
Es war reine Utopie gewesen zu glauben, sie könnte die beiden Männer, blind wie sie war, verfolgen und zur Rede stellen.

Sie war am Ende ihrer Kräfte angelangt. Die Faulheit der letzten Monate forderte ihren Tribut. Sie drehte sich um und begann, in die entgegengesetzte Richtung zu laufen. Dort vermutete sie das Dorf.Der Schnee indes fiel ungerührt weiter.

Ihre Nase, so stellte sie fest, musste nun violett verfärbt oder längst abgefallen sein. Das bescherte ihr wiederum kein sonderliches Kopfzerbrechen.Sie hatte sie ohnehin nie gemocht.

Sie setzte sich auf den Boden und schaute zum Himmel hinauf. Sie stellte sich vor, wie es wäre, jetzt den Mond und die Sterne sehen zu können. Den Mond hatte sie immer besonders gemocht. Er war ihr ähnlich, dachte sie träumerisch.

Der Kälte nach hätte man nun alle Sterne sehen müssen.
Doch vor ihren Augen blieb es dunkel. Sie legte sich der Länge nach in den Schnee. Sie überlegte, wie lange es dauern würde, bis sie tot wäre. Sie wartete und wartete. Der Tod liess auf sich warten.

Wie sie so da lag und wartete, spürte sie, wie ihre Schamhaare langsam einfroren. Sie hatte sie früher immer alle rasiert. Doch seit sie in ihrer Blindheit gefangen war, hatte sie sich nicht mehr getraut, selbst Hand anzulegen.Konnte man denn an einem gekonnten Schnitt an der Vulva sterben?

Jo konnte sie schlecht um die Gefälligkeit einer etwelchen Haarentfernung bitten. Sie fragte sich, ob sie vielleicht irgendwann einfach abfallen würden. Es wäre herrlich anzusehen, das wusste sie.
Langsam schlief Anna Pur ein.


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