23. Kapitel: Immer schneller bergab

„Manchmal wollte sie dreimal am Tag meine Bettlaken wechseln. Dann bist du, Anna, eingetroffen. Ich habe so sehr gehofft, dass alles sich endlich beruhigen würde. Es ist allerdings, wie ich zugeben muss, alles noch viel schlimmer geworden. Ich habe schliesslich all meinen Mut zusammen genommen und Nico erklärt, dass es keinen Sinn mehr habe mit uns beiden. Ich habe ihm gesagt, dass ich als Seelsorger der Gemeinde in erster Linie für alle anderen da sei. Nico ist daraufhin zusammengebrochen, hat nur noch gewinselt wie ein geschlagener Hund.

Doch ich habe sich von Nicos Geheule nicht erweichen lassen wollen. Nico hat sodann begonnen, lange Briefe voller Flehen und Liebesschwüre an mich zu richten. Ich habe ihn zur Raison rufen müssen. Schliesslich ist die Haushälterin misstrauisch geworden.“
Anna berührte die Hand ihres Bruders, doch er wehrte sie ab. Er hatte noch mehr zu erzählen.

„Zuerst ist die Haushälterin gestorben. Ich habe das für einen schlimmen Unfall gehalten, bis ich schliesslich erfahren habe, dass sie an ihrem Gebiss erstickt ist. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass Nico so etwas Schreckliches hätte tun können. Schliesslich fand man den kleinen Moser. Nico hat mir zu verstehen gegeben, dass noch mehr kleine Jungens dran glauben müssten, wenn wir beide nicht wieder ein Paar würden.

Ich habe Nico angefleht, sich zu stellen, da er krank sei. Zudem sollte wenigstens der armen Mutter Moser Gerechtigkeit verschafft werden.Nicos wahrer Charakter hat sich allerdings schnell gezeigt. Ich habe eine wahre Natter an seinem Busen herangezogen.“

Anna konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Nico ist ein kranker Mensch und benötigt Hilfe, da er seinem gewalttätigen Wesen wehrlos ausgesetzt ist.“

Anna widersprach ihm. Es war unfassbar.
Doch Jo liess sich nicht von ihr beirren und fuhr mit seinen Ausführungen fort.

„Nico hat weiter gemacht. Er hat sich einfach versteckt. Ich habe alles versucht, den Jungen von seiner Liebe und dem Töten abzubringen. Ich habe versucht, ihm weiszumachen, dass es einen anderen Mann gibt. So musste der kleine Huber sterben.

Dann ist es wieder ruhig geworden. Nico blieb nicht immer verschwunden. Seine Eltern glaubten, ihr Sohn sei in der Stadt. Aber ich wusste es besser. Nico wurde mein Schatten.“

Jo räusperte sich.
„Letzte Nacht schliesslich ist er gekommen.
Ich habe ihm erklärt, dass ich nichts mehr mit ihm zu schaffen haben will. Nico hingegen hat mit seinem Selbstmord gedroht, und dass er Bob für meinen Geliebten halte. Nico hat den Gedanken geäussert, den guten Bob dafür zu töten.Wir haben uns geprügelt, bis Nico das Weite gesucht hat. Ich bin ihm in den nahem Wald gefolgt, wo ich ihn schliesslich verloren habe.“

Anna beichtete ihm von ihrer Nacht mit Bob, und dass dieser Polizist sei. Das überraschte Jo gar nicht. Von Anfang an, wie er ihn bei dem Festmahl gesehen habe, habe er es gewusst.

Bruder Alphons, der beim Kochen geholfen habe, sei in seinem früheren Leben als Dieb tätig gewesen. Er habe in Berlin gearbeitet, wo er auch Bob getroffen habe. Alphons habe sich noch gewundert, warum sich jener hoffnungsvolle junge Kriminalbeamte zum drögen Gemeindekanzlisten habe degradieren lassen.

Anna fragte ihn, was er nun zu tun gedenke.
Jo seufzte.
“Ich werde in den Wald gehen, ihn suchen und zur Rede stellen.”
Sie nickte, umarmte Jo ein letztes Mal und küsste ihn auf die stoppeligen Wangen.
“Du bist mein bester Bruder.”
Dann ging Jo davon.

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