3. Kapitel: Zerflogene Träume

Als Anna wieder erwachte, befand sie sich in einem kleinen Zimmer. Es gab kein Fenster und keinen Fernseher. Ihr Kopf schmerzte bedenklich. Sie fühlte eine kalte Wut in sich aufsteigen.

Susi, eine junge, hübsche Schwester, blond in weisser, enganliegender Tracht, betrat den Raum und schenkte Anna ihr süssestes Lächeln. Anna verstand gar nichts.

– „Sie sind sozusagen die Heldin der Station. Wir vom Personal haben alle zusammen gelegt, damit Sie so schnell als möglich einen Fernseher bekommen…“
Anna blickte sie mit grossen Augen an. Susi meinte es wohl ziemlich ehrlich.
– „Na, Sie haben doch dem Doktor Keller die halbe Hand zerfetzt und Schwester Brunhilde verprügelt, oder?“
Anna zuckte mit den Schultern, was erbarmungswürdig schmerzte.
– „Das allein macht mich noch zu keiner Heldin, Süsse.“

Die Schwester lächelte noch immer.
– „Nach der Schlägerei wurde Brunhilde im Büro des Alten erwischt, wo sie ihn gerade halbtot prügelte. Eugen liegt mit schweren inneren Verletzungen auf der Intensivstation. Seine Frau hat die Scheidung eingegeben, seine Kinder eine Namensänderung beantragt und Brunhilde sitzt in U-Haft. Sie war der Schrecken der Station und aller jungen Schwestern. Danke…“

Mit diesen Worten hockte sich die hübsche Susi, welche übrigens wirklich zauberhaft war, aufs Bett und drückte Anna einen dicken Kuss auf den Mund. Anna erwiderte den Kuss und berührte Susis Wange. Susi kroch aufs Bett leckte Annas Hals, öffnete die obersten Knöpfe ihrer Schwesterntracht. Anna streckte die schmerzenden Finger aus, um Susis Brüste zu berühren. Susi lächelte sie an. Sie hatte wohlweisslich beim Reinkommen die rote Lampe angestellt. Sie würde sich um Anna kümmern. Sie hatten alle Zeit der Welt.

Am Nachmittag des selben Tages kam schliesslich Dr. Mareike Strausak vorbei, um sich Annas Augen anzusehen. Dabei bestätigte sich, was die Ärztin schon vorher geahnte hatte. Anna Pur war auf dem besten Weg zur vollkommenen Blindheit. Sie würde, so leid es Mareike tat, in spätestens einem Jahr völlig blind sein.

Annas Schock auf diese Nachricht hielt sich vorerst in Grenzen. Irgendwann am späten Abend begann sie zu begreifen. Es schien ihr ein noch viel härterer Schlag ins Gesicht. Brunhilde hatte nur ihren Körper getroffen. Doch diese unverrückbare Tatsache frass ihre Seele auf.
Alles, was sie früher in ihrem Leben so geschaffen hatte, war auf ihrer Fähigkeit zu sehen und Gefühle auszudrücken, begründet gewesen. Ursprünglich hatte sie immer nur Schauspielerin werden wollen. Doch da ihr Gesicht von einer steinernen Ausdruckslosigkeit war, löste sich dieser Traum im Nichts auf.

Überhaupt war da nichts wirklich wunderbares oder faszinierend Schönes an ihrem Äusseren zu entdecken. Die Nase war zu breit, und die Nasenlöcher glichen kleinen Tunnels. Es war ein Wunder, dass sich im Winter noch nie frierende Vögel darin verkrochen hatten.

Ihre Augen hatten keine besonders aufsehenerregende Farbe. Lediglich erwähnenswert war da vielleicht gerade noch ihr breiter Mund: diesen stiess sie dann und wann energisch-trotzig vor. Ihre langen, gelockten Haare hatte sie sich irgendwann in einem Anfall von Wut gegen das eigene intrigante Geschlecht eigenhändig abgeschnitten. Seither war es nie mehr länger gewesen.

Jedenfalls hatte ihr wildes, von Kunst und freier Liebe bestimmtes Leben abrupt eine so andere Wendung genommen, als sie je hatte gestatten wollen.

Ja, sie fürchtete sich vor dem grossen Dunkel. Sie wollte ihr Augenlicht nicht verlieren. Ihr Leben würde sich verändern, zu ihrem Nachteil, nebenbei bemerkt. Sie hatte in ihrem Leben jenen Punkt erreicht, wo man eigentlich nicht mehr viel brauchte, um ganz oben anzukommen.

Sie war jung. Sie war exzentrisch. Sie war Künstlerin. Sie malte. Und kein einziger Mensch konnte sich für eine erblindete, ehemalige Malerin interessieren. Sie fürchtete das Mitleid der anderen, das Getuschel hinter ihrem Rücken. Ihre Freunde kannten sie als leidenschaftliche, kreative Frau und nicht, weil sie besonders geschickt mit der weissen Krücke umgehen konnte. Anna wollte nicht irgendeine traurige Berühmtheit erlangen. Sie hatte keine Lust, als Blindenhund-Fetischistin bekannt werden. Hunde hassten sie und umgekehrt.

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