4. Kapitel: Bruder Jo

So packte sie ihren Koffer und verliess Fabrik und Genossen: die Studenten, die paar alten Existenzialisten, ihre liebgewordenen , prallen Aktmodelle und die paar verwelkten Blumenkinder.
Aber am schwersten fiel ihr der Abschied von ihrer Mutter, Berlin. Im Wissen, nie mehr zu Füssen der Siegessäule sitzen und die goldenen Flügel des Engels betrachten zu können, ging sie fort.

Sie reiste zu ihrem Bruder, welcher in einem kleinen Dörfchen nahe der Schweizer Grenze lebte. Den Namen des Ortes, das wusste sie, würde sie in tausend Jahren niemals im Kopf behalten können. Ihr Bruder würde sie einfach aufnehmen müssen. Das war er seinem Ansehen und der christlichen Nächstenliebe schuldig. Er war katholischer Priester in dem nach frischem Kuhdreck duftenden Häuserhaufen.

Er war der Hüter ihrer verschmutzten Seelen, der unerreichbare Pin-up-Boy aus süssen Teenager-Träumen. Jo Sawatzki war ein sehr schöner Mann.

Diese unverrückbare Tatsache liess Anna immer wieder daran denken, dass Jo ihr Halbbruder war. Sie beneidete ihn, denn er kannte wenigstens seinen Vater. Jo’s Schönheit war unausweichlich präsent. Anna hatte es niemals verstanden, weshalb ausgerechnet er Priester geworden war. Es war unverständlich, dass er den harten Boden einer muffigen Kirche dem weichen Schoss einer willigen Geliebten vorzog. Später, wenn Anna sich in einer zynischen Phase der Krankheit befände, würde sie sein selbstgewähltes Zölibat eine Vergeudung der menschlichen Spezies nennen. In Wirklichkeit aber würde sie sich nach Echtheit und Freiheit sehnen.

Jo hatte wirklich die Absicht, das Gebot von der Nächstenliebe in die Tat umzusetzen. Überraschenderweise war er sogar damit einverstanden, wenn nicht geradezu darauf versessen, seiner Schwester Asyl im Pfarrhaus zu geben. Das konnte Anna natürlich nicht so einfach ablehnen. Jo hatte die Sache mit ihrem Unfall ohnehin schnell raus. Die rot-blau gefärbten,n impressionistisch gestalteten, langen Narben, die ihr Gesicht durchzogen, sprachen für sich. Jedoch fragte er nie genau nach, wie es genau geschehen war. Es wäre ihr auch zu blöd vorgekommen, wie ein Fischweib ihre Krankengeschichte gleich Erbrochenem unter die Leute bringen zu müssen.

Das Leben in seiner heiligen Hütte voller Kruzifixe und Marienstatuen wurde Anna schnell langweilig. Vom ersten Tag an untersagte ihr Jo jegliche Orgien und ermahnte sie täglich, ihr sündiges Leben hinter sich zu lassen. Schliesslich, so fügte er bei, habe er eine sehr ehrwürdige alte Haushälterin, welche er vom seligen Vorgänger übernommen hatte, zu verlieren. Zudem war die alte Dame ziemlich tratschsüchtig. Bei seiner Einstellung als Priester habe sie ihm versprochen, für den Haushalt zu sorgen. Ganz nebenbei vergass sie nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu erwähnen, dass sie schliesslich auch die Geliebten seines ehrwürdigen Vorgängers geduldet habe.

Die gnädige Frau war 69 Jahre alt. Was aber die Schandhaftigkeit ihres Mundes anging, gehörte sie längst nicht zum alten Eisen. Ihre Haare trug sie wohl seit fünfzig Jahren zu einem Dutt frisiert, allerdings in wechselnden Farben. Ihre Coiffeuse hatte ihr für alle ersichtlich wohl geflüstert, dass dunkellila der Modeschrei des kommenden Jahres sein würde. Frau Zähs Haartracht war für Anna ein gutes Argument für die Einführung einer allgemeinen Blindheit.

Jo wollte keinen schwesterlich herbeigeführten Skandal, den die gute Frau Zäh wunderbar unter die Leute bringen würde. Er verlangte lediglich Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Amen.

Verloren hätte er die Frau ohnehin, nur wusste er das in dem Moment noch nicht. Die alte Dame segnete ziemlich rasch das Zeitliche.

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