5. Kapitel: Ueber Frau Zaeh

Anna Pur hatte Frau Zäh vom ersten Tag nicht leiden mögen. Die alte Frau kochte zwar hervorragend, vergass aber auch nicht, die blinde Schwester des Priesters darauf hinzuweisen, dass sie mit Leuten wie ihr im Dritten Reich kurzen Prozess gemacht hätten. Anna wäre schrecklich gerne in Frau Zähs Zimmer gegangen, nur um zu sehen, ob zwischen Jesus und der Mutter Gottes ein liebevoll in Ehren gehaltenes Bildnis des Führers hing.

Doch leider war ihr das nicht möglich. Frau Zäh verriegelte ihre Tür, als sei dahinter der Schatz der ewigen Jungfräulichkeit verborgen. Darauf konnte Anna ja nun wirklich verzichten.
Zwischen Anna und Frau Zäh entwickelte sich immer mehr eine gegenseitige Abneigung. Die Zäh liess niemals ausser acht, wofür sie Anna Pur im innersten ihres Herzen hielt: für eine eine Nassauerin der gemeinsten Sorte.

Wenn sie die alte Vettel anschaute, und das kam selten vor, weil ihr Augenlicht ja im Begriff zu verschwinden war, versuchte sie aus deren Zügen abzulesen, wie sie früher gelebt haben mochte. Zu gerne wollte sie ein Bild aus vergangenen Zeiten mit der Alten von heute vergleichen, nur um einen kleinen Hauch von Menschlichkeit in ihr zu erblicken.

Frau Zäh stand in riesengrossen Lettern auf die Stirn geschrieben, dass sie minderwertige Menschen verabscheute. Trotzdem half sie dem Priester im Haus und war seine gute Seele. Anna hasste diese Bigotterie, diese Selbstgefälligkeit von der Zäh, weil sie eine Überlebende war. Natürlich musste sie sich jetzt auch zu diesen zählen, denn ihr Leben war schliesslich fast vom Bruder Todth erfasst worden.
Frau Zäh putzte unablässig. Wenn sie nicht putzte, dann kochte sie. Anna hatte sie nie ruhig sitzen sehen. Nie hörte sie Musik oder summte ein Lied. Das ganze Pfarrhaus schien zu einer Gruft zu werden, verlassen von menschlichem Gebaren, aber wenigstens sauber geputzt und nach Schmierseife und Desinfektionsmittel riechend.

Anna jedoch protestierte nicht einmal dagegen. Die alte Frau hatte ja recht, was Annas Beweggründe anging. Im Gegensatz zu der Zäh gab Anna jedoch nicht vor, eine brave Christin zu sein. Im Gegenteil.
Auch am Vorabend von Zähs Tod nahm Jo seine Schwester fest ins Gebet.

– „Sei doch nicht so schrecklich grob zu der alten Frau. Nimm dich zusammen!“
Anna wollte davon nichts wissen.
– „Die alte Vettel kann sich schon wehren, brauchst sie also gar nicht zu beschützen, Bruderherz. Soll ich dir mal was sagen? Du hast einfach Angst, dass sie ausplaudert, was in diesem Hause so abgeht…“
Jo erblasste.
– „Du bist noch immer wie früher: die böse Schlange am Busen der Jungfrau, Anna.“

Anna kam nicht umhin, laut herauszulachen.
– „Ach ja? Und du bist die heilige Jungfrau oder was? Weisst du, was du dann tun solltest, Jo? Du solltest mich vor die Türe setzen. Aber das wirst du nicht übers Herz bringen. Du hast viel zu grosse Angst vor der Meinung deiner Schäfchen. Sie sollen in dir ja weiterhin einen guten Menschen sehen. Die würden mir gar nicht glauben, wenn ich erzählen würde, was für ein Saukerl du warst, als ich von zuhause auszog. „
Jo gewann seine Gesichtsfarbe wieder zurück.
– „Das ist Familiensache und soll es auch bleiben, Anna.“

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