7. Kapitel: Kochkuenste

Nach der wunderbaren Beerdigung, welche ein beispielhaftes Lehrstück war, was Jo’s rhetorische Fähigkeiten anging, trat er an Anna heran und verlangte, mit ihr zu sprechen. Er fragte sie, ob sie an dem freigewordenen Posten ein Interesse hätte.
Natürlich lag ihr nichts ferner, als seine Putzfrau zu werden. Sie war schliesslich Künstlerin, wenn auch ehemalig, verkannt und ziemlich eingeschränkt, was ihre visuellen Fähigkeiten anging. Anna musste allerdings zugeben, dass es auch nicht unbedingt schlecht zu nennen war, fürs Staubwedeln von der heiligen Mutter Kirche bezahlt zu werden. Allfällige Fehlerquellen wie dass Übersehen von mannshohen Staubwolle-Bällchen waren in ihrem Fall leicht erklär- und auch entschuldbar. Fürs Überleben hatte auch ein Genie wie Anna Pur Kompromisse einzugehen.

Ihre anfängliche Sehschwäche weitete sich, wie prophezeit, immer mehr aus. Noch war es ertragbar, noch konnte sie Umrisse erkennen. Sie konnte sogar, wie wunderbar, noch einige Farben ausmachen. Früher hatte sie sich vorgenommen, niemals kampflos unterzugehen wie ein rostiger, alter Fischkutter. Nun besass sie nur noch die Hoffnung, das Ganze würdig zu überstehen.

Anna hatte keine Ahnung, wie sie kochen sollte. Kein einziger ihrer Liebhaber hatte jemals auch nur ein Spiegelei von ihr verlangt. Sie verfluchte jede einzelne Bratpfanne, jeden Kochlöffel, jede Küchenmaschine, ob mit oder ohne Stromantrieb. Kochen war eine Sache für frigide Ehefrauen und vorzeitige Ejakulierer. Sie zählte sich weder zu den einen noch zu den anderen.

Wer in Berlin essen wollte, holte sich Döner oder Currywurst, bestellte bei einem Restaurant mit Hauslieferdienst Pizzas oder chinesisches Essen. Kein Mensch kochte. Anna fragte sich auch, weshalb Jo in seinem Orden nicht gelernt hatte, sich selbst etwas zuzubereiten. Wenn er nun an ihrem Essen etwas auszusetzen hätte, so wäre er, wenigstens in ihren Augen (welch Aphorismus) selber schuld.

Sie hatte aber auch gehört, dass Angebranntes und vor allem Verkohltes wahre Wunder wirken konnte, was die Förderung von Krebs betraf. Dies schien ihr die Sache für Jo wert.
Während Anna Pur sich geistvoll bemühte, ihren noch viel geistvolleren Bruder zu verköstigen, hauchte im naheliegenden Unterholz ein 13 – jähriger Knabe auf höchst unangenehme Art und Weise sein junges Leben aus.

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