8. Kapitel: Bruder Todth zum zweiten

Beerdigungen beleben das Geschäft, sagte Sargmacher Nagel. Und dies ist kein Witz, sondern eine Tatsache. Der Tod, unausweichlich und endgültig, bringt die Überlebenden für eine halbe Sekunde lang zum Nachdenken. Frau Zäh war rasch vergessen und das war gut so. Anstatt langer Überlegungen war das staatlich anerkannte Privatfernsehen sofort an Ort und Stelle des Verbrechens.

Im Grunde genommen war die Sache höchst lachhaft.
Eine blonde Reporterin mit Namen Patricia Kessler hatte, nachdem sie Jo zum ersten Mal gesehen hatte, sofort die glorreiche Idee geäussert, die Beerdigung des ermordeten Knaben live zu übertragen. Jo konnte dieser Anfrage leider nicht nachkommen. Schweren Herzens musste er die Dame enttäuschen. Philipp Moser, der kleine Tote, war nicht katholischen Glaubens. Und eine erneute Taufe wäre in Anbetracht des desolaten Zustandes der Leiche eher unangebracht gewesen.

Anna konnte nicht von sich behaupten, dass sie sonderlich berührt war von dem Tod des Jungen. Die Angelegenheit flutschte einfach so an ihr vorbei. Wenn man nicht mehr viel sieht, interessieren einen weniger Dinge. Doch kam ihr der Mord dann doch nicht ganz so koscher vor.

Da stirbt jemand höchstens 150 Meter von der Küche entfernt, wo sie eben noch mit grösster Anstrengung ein tiefgefrorenes Gulasch versucht hatte aufzutauen. Allerdings, so sagte sie sich im Nachhinein, hätte sie ihm ohnehin nicht geholfen, selbst wenn sie etwas bemerkt hätte. Kinder und Mörder sind ja so undankbar.

Überrascht war sie erst, nachdem sie in den Nachrichten vom gerichtsmedizinischen Befund erfahren hatte. Jemand, natürlich der Mörder, hatte dem Jungen die Genitalien abgeschnitten und diese dem Verendenden in den Mund gesteckt. Da wurde ihr übel. Und sie wunderte sich, dass im Zeitalter der gesunden Ernährung dieser Leitspruch doch nicht jedermanns Sache war.


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