Epilog

Annas Hand sah schlimmer aus, als sie es war. Allerdings amputierten ihr die braven Ärzte den kleinen und den Ringfinger.Noch immer war Anna von ihrer Dunkelheit umgeben. Das würde sich für den Rest ihres teuer bezahlten Lebens nicht mehr ändern. Es war unwichtig geworden.
Der Schock ihres naheliegenden Todes sass noch immer sehr tief. Ihr ganzer Körper schmerzte, selbst die Finger, die ihr fehlten.

Ein paar diensteifrige Beamte hatten versucht, sie zu dem Fall zu befragen. Man erklärte ihr dabei, dass sie wahnsinniges Glück gehabt hatte. Nico sei sie nur entkommen, weil dieser gehörlos gewesen sei. Sie lachte bitter.

Anna tastete sich durch das Spitalzimmer und suchte sich ihre Klamotten zusammen. Dann verliess sie das Krankenhaus. Sie hatte die Schnauze voll. In ihrer Jackentasche fand sie ihr Portemonnaie. Sie hob an einem Automaten ihre gesamte Barschaft ab und tastete sich so weit vor, bis sie jemanden gefunden hatte, den sie nach dem Weg zum nächsten Bahnhof fragen konnte.

Auf dem Weg dorthin kam sie an einem Hof vorbei. Ein hässlich riechender Laster lud gerade Tiere auf dem Weg zum Nirwana.
„Haben Sie auch Schweine, mein Herr?“ fragte sie einen nach Verwesung riechenden Metzger.

Zehn Minuten später folgte sie weiter ihres Weges.
Ihr Blindenschwein taufte sie Adolf.
Doch das Beste kam erst noch. Sie kaufte sich eine Fahrkarte ohne Rückkehr in Richtung Berlin. Im Zug nahm sie ein ganzes Abteil für sich und Adolf in Beschlag. Adolf war sehr unterhaltend und hielt ihr lästige Gegenüber fern. Sehr lange konnte sie ihre Ruhe allerdings nicht auskosten. Der Kontrolleur war ziemlich sauer, weil sie für ihr Schwein keine Fahrkarte gelöst hatte. Als sie ihm entgegnete, dass Adolf ihr Blindenschwein sei, liess sich dieser nicht im geringsten davon beeindrucken.

Nachdem sie den Kontrolleur mit Hilfe Adolfs Gestank abgewimmelt hatte, glaubte sie, endlich ihre Ruhe gefunden zu haben. Doch so gut sollte man es mit ihr nicht meinen.
Ein Mann, jedenfalls roch er so, stieg in ihr Abteil zu, und setzte sich vis-à-vis von ihr hin. Sie spürte, wie er sie mit seinen Blicken zu taxieren schien. Sie konnte seinen Atem auf ihren Augen fühlen. Es war offensichtlich.

Irgendwann platzte ihr der Kragen. Sie sagte spitz:

“Sagen Sie, mein Herr, darf ich Ihnen eine Frage stellen? Sie haben wohl noch nie eine blinde Frau gesehen?”

Der Typ begann zu lachen.
Er lachte sie offensichtlich aus.
“Meine Dame, ich muss Sie enttäuschen: Ich habe nicht nur eine blinde Frau gesehen, sondern sogar mit ihr eine ganze Nacht verbracht.”

Anna stutzte. Sie kannte seine Stimme. Kein anderer Mensch konnte eine solche Stimme sein eigen nennen. Er lebte also noch.

“Worauf wartest du noch, du rothaariger Rotzbengel?”

Bob lachte wieder.

“Ich kann dich nicht einmal umarmen, Anna. Mein Bauch ist so fest bandagiert, als sei ich Pharao Ramses. Zudem höre ich dich nicht besonders gut. Mein linkes Trommelfell ist geplatzt.”

Bob quittierte seinen Dienst bei der Kripo in Berlin und zog zusammen mit Anna und Adolf in die alte Fabrik. Dort lebten sie ziemlich glücklich und verrückt weiter bis ans Ende ihrer Tage.
Das sollte genügen.

Ach ja, Anna kehrte nie wieder in das Dorf ihres Bruders zurück. Ein halbes Jahr später wurde die Bevölkerung ohnehin von einer Sekte belagert, so wie es die fetten Fliegen mit dem Misthaufen halten. Kein Stein blieb mehr auf dem anderen, sprich: niemand mehr gehörte irgend einem christlichen Glauben an.

EnDe

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Prolog

Du kennst sie, diese kleinen, feinen und verträumten Dörfer. Der Suchende trifft sie auf der ganzen Welt an. Sie liegen, versteckt von grünen Wäldern und umschlossen, umgeben von Bächen und Seen, inmitten von vergessenen Tälern. Die Landschaft erscheint dir so idyllisch, dass sie dich erschreckt. Du möchtest glauben, dass dort nur bodenständige, gute und friedliebende Menschen leben. Du hoffst, dass sie der Natur gleich sind; rauh, aber doch ernährend.
Doch tauchst Du tiefer in diese eigene, kleine Welt ein, so wirst du dir wünschen, es hätte dich niemals dorthin verschlagen. Der einzelne Mensch fühlt sich dort eingeengt und ausgestellt wie der sagenhafte Zyklop griechischer Heldensagen.
Nichts bleibt vor den Augen Deines Nächsten verborgen.. Oder etwa doch? Was geschieht, wenn einer im Dorf querschlägt und plötzlich anfängt, drauflos zu morden? Liefert man den Übeltäter aus? Oder lässt man den Dingen des Lebens, auch wenn sie vorsätzlich und in grausamster Vollkommenheit ausgeführt werden, einfach ihren Lauf?
Ein Mord wird moralisch verurteilt. Jeder Mensch, welcher in dieser Geschichte einen anderen tötet, kann nur verurteilt werden. Doch stelle ich eine Frage in den offenen Raum:
Gibt es Begebenheiten, welche ich als Aussenstehende gar nicht beurteilen kann und darf?
Und wenn ich es trotzdem tue, spreche ich dann nicht über Dinge, von welchen ich nichts verstehe?

Hier gehts weiter!