Einleitung

Ich war gerade 20 Jahre alt, als ich “Bruder Todth” schrieb. Ich war sehr wütend, damals.
Der Text entstand handschriftlich in einigen schlaflosen Nächten.

Ich habe den Text anschliessend weggelegt. Ich war irgendwie herausgewachsen.
Er faulte in einer Schublade vor sich hin. Einige elektronische Fragmente haben sich über meine
ehemaligen PC’s gerettet. Eigentlich erstaunlich.

Umso mehr freut es mich, dass einige von euch lieben Lesern, diese Farce mochten.
Der “Bruder Todth” ist ein Teil meiner Jugend und ich bin glücklich, ihn mit euch teilen zu dürfen.

Ich möchte all jenen danken, die mich motiviert haben, diesen Text zu veröffentlichen.
Ein ganz besonderer Dank geht an Joe Stalder, der den ganzen Text in ein E-Book verwandelt hat.

Da das Layout dieser Seite für einen Buchtext nicht wirklich praktisch ist, ich es aber so sehr liebe, habe ich Links am Ende eines Beitrags gesetzt. So könnt ihr euch durch den Text klicksen…

Viel Spass beim Lesen!!

Zora

Hier fängt es an:

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Epilog

Annas Hand sah schlimmer aus, als sie es war. Allerdings amputierten ihr die braven Ärzte den kleinen und den Ringfinger.Noch immer war Anna von ihrer Dunkelheit umgeben. Das würde sich für den Rest ihres teuer bezahlten Lebens nicht mehr ändern. Es war unwichtig geworden.
Der Schock ihres naheliegenden Todes sass noch immer sehr tief. Ihr ganzer Körper schmerzte, selbst die Finger, die ihr fehlten.

Ein paar diensteifrige Beamte hatten versucht, sie zu dem Fall zu befragen. Man erklärte ihr dabei, dass sie wahnsinniges Glück gehabt hatte. Nico sei sie nur entkommen, weil dieser gehörlos gewesen sei. Sie lachte bitter.

Anna tastete sich durch das Spitalzimmer und suchte sich ihre Klamotten zusammen. Dann verliess sie das Krankenhaus. Sie hatte die Schnauze voll. In ihrer Jackentasche fand sie ihr Portemonnaie. Sie hob an einem Automaten ihre gesamte Barschaft ab und tastete sich so weit vor, bis sie jemanden gefunden hatte, den sie nach dem Weg zum nächsten Bahnhof fragen konnte.

Auf dem Weg dorthin kam sie an einem Hof vorbei. Ein hässlich riechender Laster lud gerade Tiere auf dem Weg zum Nirwana.
„Haben Sie auch Schweine, mein Herr?“ fragte sie einen nach Verwesung riechenden Metzger.

Zehn Minuten später folgte sie weiter ihres Weges.
Ihr Blindenschwein taufte sie Adolf.
Doch das Beste kam erst noch. Sie kaufte sich eine Fahrkarte ohne Rückkehr in Richtung Berlin. Im Zug nahm sie ein ganzes Abteil für sich und Adolf in Beschlag. Adolf war sehr unterhaltend und hielt ihr lästige Gegenüber fern. Sehr lange konnte sie ihre Ruhe allerdings nicht auskosten. Der Kontrolleur war ziemlich sauer, weil sie für ihr Schwein keine Fahrkarte gelöst hatte. Als sie ihm entgegnete, dass Adolf ihr Blindenschwein sei, liess sich dieser nicht im geringsten davon beeindrucken.

Nachdem sie den Kontrolleur mit Hilfe Adolfs Gestank abgewimmelt hatte, glaubte sie, endlich ihre Ruhe gefunden zu haben. Doch so gut sollte man es mit ihr nicht meinen.
Ein Mann, jedenfalls roch er so, stieg in ihr Abteil zu, und setzte sich vis-à-vis von ihr hin. Sie spürte, wie er sie mit seinen Blicken zu taxieren schien. Sie konnte seinen Atem auf ihren Augen fühlen. Es war offensichtlich.

Irgendwann platzte ihr der Kragen. Sie sagte spitz:

“Sagen Sie, mein Herr, darf ich Ihnen eine Frage stellen? Sie haben wohl noch nie eine blinde Frau gesehen?”

Der Typ begann zu lachen.
Er lachte sie offensichtlich aus.
“Meine Dame, ich muss Sie enttäuschen: Ich habe nicht nur eine blinde Frau gesehen, sondern sogar mit ihr eine ganze Nacht verbracht.”

Anna stutzte. Sie kannte seine Stimme. Kein anderer Mensch konnte eine solche Stimme sein eigen nennen. Er lebte also noch.

“Worauf wartest du noch, du rothaariger Rotzbengel?”

Bob lachte wieder.

“Ich kann dich nicht einmal umarmen, Anna. Mein Bauch ist so fest bandagiert, als sei ich Pharao Ramses. Zudem höre ich dich nicht besonders gut. Mein linkes Trommelfell ist geplatzt.”

Bob quittierte seinen Dienst bei der Kripo in Berlin und zog zusammen mit Anna und Adolf in die alte Fabrik. Dort lebten sie ziemlich glücklich und verrückt weiter bis ans Ende ihrer Tage.
Das sollte genügen.

Ach ja, Anna kehrte nie wieder in das Dorf ihres Bruders zurück. Ein halbes Jahr später wurde die Bevölkerung ohnehin von einer Sekte belagert, so wie es die fetten Fliegen mit dem Misthaufen halten. Kein Stein blieb mehr auf dem anderen, sprich: niemand mehr gehörte irgend einem christlichen Glauben an.

EnDe

24. Kapitel: Showdown

Irgendwann konnte sie in ferner Nähe einen Schuss hören, was sie zuerst gar nicht weiter beunruhigte. Doch als kein zweiter Schuss ertönte, wurde ihr übel.
Sie suchte das Telephon und bat die Auskunft um Bobs Nummer. Diese Nummer war ihre einzigste Verbindung nach draussen geworden.

Fünf Minuten später war er bei ihr. Sie fuhren mit seinem Wagen in den Wald hinein. Sie konnte das Klicken hören, als er seine Dienstwaffe entsicherte.

“Bleib hier und rühr’ dich nicht vom Fleck”, sagte er zu ihr.

Er liess sie allein. Sie hörte wiederum einen Schuss. Sie liess sich aus dem Wagen fallen und bewegte sich auf allen vieren auf dem weichen, von Schnee bedeckten Boden.
Sie hörte knirschende Schritte, die sich von ihr weg bewegten, bis sie nurmehr erahnbar waren.

Bob lag weiter vorne im Schnee. Sie konnte ohne weiteres sein Blut riechen. Er stöhnte.
Wo war Jo?

Bob murmelte unverständliches.
Sie nahm ihm seine Waffe aus der Hand und kroch vorwärts, bis sie vor sich einen Baum aufspürte. Sie lehnte sich an den Stamm.
Dann begann sie nach Nico zu rufen
„Die Bullen sind ohnehin gleich zur Stelle. Es hat keinen Sinn, dass du dich noch weiter wie ein elendes Tier verkriechst! Du bist ein elender, verfluchter Scheiss Bastard! Du Mörder!! Ich wünsche Dir, dass du in der Hölle verrottest, du gottverdammtes Arschloch!!!“

Sie japste nach Luft. Sie lächelte. Das war bitter nötig gewesen. Der Boden war gefroren. aber sie konnte jeden einzelnen seiner Schritte ausmachen. Er jedoch konnte sie scheinbar nicht sehen. Sie liess ihn näher kommen.

Sie wusste, wenn sie sich im falschen Moment bewegte, er sie arschkalt abknallen würde. Es würde ihr Ende sein, so oder so. Ihre Muskeln versteiften sich noch mehr und sie betete zu Gott, der sie wohl nicht erhöhen würde, um ein Wunder oder einen ganz schnellen Tod.

Dann stand Nico vor ihr. Sie hatte keine Ahnung, wie gross er war. Sie zielte nach seinem Atem und drückte solange ab, bis sie keine Munition mehr hatte.

Nico schrie wie ein wildes Tier und erhob, noch während er zu Boden sackte, seine Pistole in ihre Richtung. Er drückte ab. Sie konnte sich nicht mehr bewegen. Als sie bemerkte, dass er ihre Hand getroffen hatte, fiel sie einfach um.

Marie und Naomi konnten die Schüsse gut hören. Sofort rannte Marie mit Senn, dem netten Nachbarn, in Richtung Wald, woher die Schüsse gekommen waren. Das Bild, das sich ihnen bot, war grauenvoll.

Jo war tot. Dort, wo früher sein Gesicht gewesen war, befand sich nur noch ein blutiges Gewühl mit gelben Streifchen seines Gehirns. Nicos Oberkörper war ebenfalls total zerfetzt. Er war verständlicherweise tot. Bob war in den Bauch getroffen worden. Er war noch bleicher als sonst. Seine Atmung ging nur noch schwach.

Anna lehnte noch immer an ihren Baum. Ihre linke Hand war blutüberströmt.
Marie begann zu schluchzen, während Senn sich gurgelnd die Seele aus dem Leibe kotzte.

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23. Kapitel: Immer schneller bergab

„Manchmal wollte sie dreimal am Tag meine Bettlaken wechseln. Dann bist du, Anna, eingetroffen. Ich habe so sehr gehofft, dass alles sich endlich beruhigen würde. Es ist allerdings, wie ich zugeben muss, alles noch viel schlimmer geworden. Ich habe schliesslich all meinen Mut zusammen genommen und Nico erklärt, dass es keinen Sinn mehr habe mit uns beiden. Ich habe ihm gesagt, dass ich als Seelsorger der Gemeinde in erster Linie für alle anderen da sei. Nico ist daraufhin zusammengebrochen, hat nur noch gewinselt wie ein geschlagener Hund.

Doch ich habe sich von Nicos Geheule nicht erweichen lassen wollen. Nico hat sodann begonnen, lange Briefe voller Flehen und Liebesschwüre an mich zu richten. Ich habe ihn zur Raison rufen müssen. Schliesslich ist die Haushälterin misstrauisch geworden.“
Anna berührte die Hand ihres Bruders, doch er wehrte sie ab. Er hatte noch mehr zu erzählen.

„Zuerst ist die Haushälterin gestorben. Ich habe das für einen schlimmen Unfall gehalten, bis ich schliesslich erfahren habe, dass sie an ihrem Gebiss erstickt ist. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass Nico so etwas Schreckliches hätte tun können. Schliesslich fand man den kleinen Moser. Nico hat mir zu verstehen gegeben, dass noch mehr kleine Jungens dran glauben müssten, wenn wir beide nicht wieder ein Paar würden.

Ich habe Nico angefleht, sich zu stellen, da er krank sei. Zudem sollte wenigstens der armen Mutter Moser Gerechtigkeit verschafft werden.Nicos wahrer Charakter hat sich allerdings schnell gezeigt. Ich habe eine wahre Natter an seinem Busen herangezogen.“

Anna konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Nico ist ein kranker Mensch und benötigt Hilfe, da er seinem gewalttätigen Wesen wehrlos ausgesetzt ist.“

Anna widersprach ihm. Es war unfassbar.
Doch Jo liess sich nicht von ihr beirren und fuhr mit seinen Ausführungen fort.

„Nico hat weiter gemacht. Er hat sich einfach versteckt. Ich habe alles versucht, den Jungen von seiner Liebe und dem Töten abzubringen. Ich habe versucht, ihm weiszumachen, dass es einen anderen Mann gibt. So musste der kleine Huber sterben.

Dann ist es wieder ruhig geworden. Nico blieb nicht immer verschwunden. Seine Eltern glaubten, ihr Sohn sei in der Stadt. Aber ich wusste es besser. Nico wurde mein Schatten.“

Jo räusperte sich.
„Letzte Nacht schliesslich ist er gekommen.
Ich habe ihm erklärt, dass ich nichts mehr mit ihm zu schaffen haben will. Nico hingegen hat mit seinem Selbstmord gedroht, und dass er Bob für meinen Geliebten halte. Nico hat den Gedanken geäussert, den guten Bob dafür zu töten.Wir haben uns geprügelt, bis Nico das Weite gesucht hat. Ich bin ihm in den nahem Wald gefolgt, wo ich ihn schliesslich verloren habe.“

Anna beichtete ihm von ihrer Nacht mit Bob, und dass dieser Polizist sei. Das überraschte Jo gar nicht. Von Anfang an, wie er ihn bei dem Festmahl gesehen habe, habe er es gewusst.

Bruder Alphons, der beim Kochen geholfen habe, sei in seinem früheren Leben als Dieb tätig gewesen. Er habe in Berlin gearbeitet, wo er auch Bob getroffen habe. Alphons habe sich noch gewundert, warum sich jener hoffnungsvolle junge Kriminalbeamte zum drögen Gemeindekanzlisten habe degradieren lassen.

Anna fragte ihn, was er nun zu tun gedenke.
Jo seufzte.
“Ich werde in den Wald gehen, ihn suchen und zur Rede stellen.”
Sie nickte, umarmte Jo ein letztes Mal und küsste ihn auf die stoppeligen Wangen.
“Du bist mein bester Bruder.”
Dann ging Jo davon.

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22. Kapitel: Wahrheiten und Beichten

Sie brauchte ziemlich lange, bis sie wieder ins Pfarrhaus zurückgefunden hatte. Sie war nicht einmal mehr besonders überrascht, dass sie ihren Weg allein gefunden hatte. An diesem Tag, das meldete ihr Bauch, würde sie noch zu ganz anderen Dingen fähig sein müssen.

Jo war in der Küche.
-Woher kommst du?

Sie antwortete nicht und ging wortlos an ihm vorbei, die Treppe hinauf. Irgendwann konnte sie sein Schluchzen hören.
Schliesslich klopfte es an ihre Türe. Jo trat ein und nahm sie bei der Hand. Sie setzten sich auf das alte, knorrige Sofa.

Jo hielt sie noch immer fest, wie ein Kind, das das herannahende Gewitter ahnt und fürchtet.
Schliesslich begann er, ihr alles der Reihe nach zu erzählen:

„Alles hat damit angefangen, dass ich diesen jungen Mann gesehen hatte. Nico war sechzehn, hatte leuchtend pechschwarzes Haar und war der hübscheste Junge, den ich je gesehen hatte. Natürlich war ich von ihm angezogen gewesen.Aber ich hatte es mir selbst auferlegt, nie etwas mit einem Minderjährigen anzufangen. Nico war auffällig oft zu mir in die Beichte gekommen. Schliesslich bin ich an einem stürmischen Abend in die Kirche gekommen, weil ich glaubte, seltsame Geräusche vernommen zu haben. Nico ist einfach so dagesessen und hat mich angesehen. Ich habe ihn zur Rede stellen wollen, doch Nico reagierte nicht auf meine Worte. Nico eröffnte mir, dass er mich, den Herrn Pfarrer über alles in der Welt liebe.

Zuerst wollte ich ihn umstimmen, ihm die Sache ausreden, ihm zu verbieten an mich zu denken. Doch dann ist mein tiefer Wunsch nach Nico stärker als alles andere gewesen.
Niemals zuvor habe ich soviel empfunden, wie als ich mit Nico zusammen war. Der Widerglanz des Schweisses auf dem Körper des Jungen hat mich beflügelt und in alle Höhen des Himmels schweben lassen.“
„Jo.“ flüsterte Anna, „was hast du getan?“

Nach dem Akt seien sie bestimmt noch eine Stunde erschöpft am Boden gelegen und hätten sich zaghaft wie Kinder berührt. Als er wieder im Pfarrhaus gewesen sei, habe er sich so elend wie ein totes Stück Fleisch gefühlt. Er habe nicht einmal mehr in Ruhe schlafen können.

Das habe sie beide aber nicht davon abhalten können, bei jeder sich bietenden Gelegenheit miteinander zu schlafen. Irgendwann habe er vermutet, dass seine alte Haushälterin etwas bemerkt haben musste,
Anna schluckte leer. Die Haushälterin. Natürlich.

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21. Kapitel: Der Fall

Bob hatte sie gebeten, mit ihm zu frühstücken.
Sie lehnte es unhöflich ab. Es wäre ihr zu peinlich gewesen, wenn Marie sie so gesehen hätte. Doch die schien gar nicht da zu sein.
– Vertraust du mir?
Sie nickte. Sie wollte noch mehr davon. Liebe. Sex. Unaufhörlich. Nähe.

– Was hatte dein Bruder im Wald zu suchen?

Ihr war, als falle sie.
Bob, der unvergleichliche, neugierige, der anpassungsfähige, unauffällige Bob. Die Klarheit schoss durch ihren Kopf, so klar und unvermutet, dass sie beinahe von der Bettkante fiel.

– Was hast du, Anna?
– Du hast mich angelogen.

Er erwiderte nichts. Es stimmte also.
Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen. Alles, was er mit ihr und ihrem Bruder geredet hatte, immer nur mit der Absicht, einen Mörder, den Mörder, zu fassen.
Ihren Bruder, den gutgläubigen, hatte er auch eingelullt.: in einen schleimigen, schmierigen, ekligen Film von abgestandener Vaseline.

Anna war getroffen.
Sie stand auf und griff nach ihren Kleidern, die ihr Bob fein säuberlich geordnet auf ihre Seite des Bettes gelegt hatte. Vor dem Beischlaf.
Schliesslich war sie blind.
Scheisse.

Sie hatte sie nach dem Bad neben das Bett geschmissen. Er aber, das hatte sie gehört, hatte sie sorgfältig in die Hand genommen und zusammengelegt.

Bob war noch immer ohne jegliche Worte.
Sie ging zur Türe hinaus und suchte sich ihren Weg die Treppe hinab. Sie konnte ihn nicht hören. Er folgte ihr nicht.
Scheiss drauf.


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19. Kapitel: Die Jagd

Zwei Wochen später kam die Entwarnung. Irgendwo hatte die Polizei einen lange gesuchten Triebtäter verhaften können. Klar. Die gibt’s ja auch wie Sand am Meer.

Das bedeutete für das Dorf, dass die Journalisten ihre Plätze endgültig räumten. Der Fernsehtourismus brach augenblicklich zusammen. Der einzige Postkartenhandel im Dorf machte im nullkommanix bankrott.

Anna war überhaupt nicht beruhigt. Sie hatte angefangen, sich ihre Fingernägel zu zerkauen. Sie war nervöser denn je. Bob und Marie kamen seltener vorbei. Auch Jo wirkte nicht mehr so ausgeglichen wie früher. Mit Anna wechselte er an manchen Tagen keine zehn Worte mehr. Jeder hatte sein eigenes, einsames Leben zu leben.

Eines Nachts wachte sie ruckartig auf.
Es war unheimlich.
Sie konnte Stimmen in Jo’s Zimmer ausmachen. Da war Jo. Scheinbar beherrscht und doch an der Kippe zur Wut. Die andere war nicht ganz so leicht zu erkennen. Doch das Schluchzen wiederum war unschwer zu deuten. Plötzlich konnte sie hören, wie sich die beiden verprügelten.

Blumentöpfe und Vasen fielen zu Boden und zerschellten in surreal anmutenden Tönen. Jemand rannte die Treppe hinab. Sie tastete sich zu Jo’s Zimmer.Es ging ihm sauschlecht, das spürte sie, als sie seinen schnell gehenden Atem hörte.

Jedenfalls stiess er sie wortlos beiseite und stürzte sich auch davon. Anna folgte ihm. Die Treppe war inzwischen zur ihrer täglichen Routine geworden. Sie kannte sie im Schlaf. Draussen vor der Tür brauchte sie nur dem Hall der Schritte zu folgen.
Das war leicht.

Es war schneidend kalt geworden. Der Schnee hatte wie auf Kommando begonnen in dicken Flocken zu fallen. Am Geruch der Bäume notierte sie, dass sie jetzt im Wald sein musste. Vor langer Zeit, vor etwa tausend Jahren, hatte sie grosse Angst vor dem dunklen Wald gehabt.Darüber konnte sie nun nur noch ein mildes Lächeln ausbreiten.

Sie begann zu frösteln und bemerkte erst jetzt ihren Aufzug.
Sie trug ihren Morgenmantel und darunter das hellblaue Nachthemd mit den altrosa Spitzen. Sie spürte, wie sie ihre nackten Füsse nicht mehr zu spüren begann.

Sie hatte die beiden verloren.
Es war reine Utopie gewesen zu glauben, sie könnte die beiden Männer, blind wie sie war, verfolgen und zur Rede stellen.

Sie war am Ende ihrer Kräfte angelangt. Die Faulheit der letzten Monate forderte ihren Tribut. Sie drehte sich um und begann, in die entgegengesetzte Richtung zu laufen. Dort vermutete sie das Dorf.Der Schnee indes fiel ungerührt weiter.

Ihre Nase, so stellte sie fest, musste nun violett verfärbt oder längst abgefallen sein. Das bescherte ihr wiederum kein sonderliches Kopfzerbrechen.Sie hatte sie ohnehin nie gemocht.

Sie setzte sich auf den Boden und schaute zum Himmel hinauf. Sie stellte sich vor, wie es wäre, jetzt den Mond und die Sterne sehen zu können. Den Mond hatte sie immer besonders gemocht. Er war ihr ähnlich, dachte sie träumerisch.

Der Kälte nach hätte man nun alle Sterne sehen müssen.
Doch vor ihren Augen blieb es dunkel. Sie legte sich der Länge nach in den Schnee. Sie überlegte, wie lange es dauern würde, bis sie tot wäre. Sie wartete und wartete. Der Tod liess auf sich warten.

Wie sie so da lag und wartete, spürte sie, wie ihre Schamhaare langsam einfroren. Sie hatte sie früher immer alle rasiert. Doch seit sie in ihrer Blindheit gefangen war, hatte sie sich nicht mehr getraut, selbst Hand anzulegen.Konnte man denn an einem gekonnten Schnitt an der Vulva sterben?

Jo konnte sie schlecht um die Gefälligkeit einer etwelchen Haarentfernung bitten. Sie fragte sich, ob sie vielleicht irgendwann einfach abfallen würden. Es wäre herrlich anzusehen, das wusste sie.
Langsam schlief Anna Pur ein.


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18. Kapitel: Flirt-Strategien

Drei Wochen lang war schon nichts mehr geschehen. Die Bauern hatten einander gegenseitig Feder- und Katzenvieh platt gefahren und Gülle ins Grundwasser geleitet. Solche Vorkommnisse waren jedoch nichts, was einen nachrichtengeilen Medienkonzert interessiert hätte.

Marie hatte Jo und Anna zum Essen eingeladen, was witzig war. Marie kochte um einiges besser als Rosalie. Jo dachte trotzdem nicht daran, Rosalie auszutauschen. Jo hatte offenbar einen Narren an Rosalie gefressen. Daran änderte auch die Tatsache, dass diese immer offensichtlicher ihre Gefühle für Anna zeigte, nicht viel.

Es war ja nicht so, dass Anna einer schönen Frau grundsätzlich abgeneigt gewesen wäre. Während ihrer Berlin-Zeit hatte sie in der Richtung nie was anbrennen lassen.

Rosalie war einfach nicht ihr Typ. Sie hatte eine seltsame Vorliebe für scharfen Emmentaler und benutzte billige Altweiber-Deodorants. Auf Anna wirkte sie einfach nur ordinär und schmierig. Wenn sie zu dritt am Tisch sassen, konnte Anna den Fuss der Köchin zwischen ihren Beinen entlang streichen fühlen. Dann machte Jo freundliche Bemerkungen über die aparten Blätterteigherzen auf Annas Salattellern.

Dann wurde Jo für eine Woche zu seinem Bischof abgerufen. Anna dachte böse, dass er nun eine Rüge für sein aus der Bahn geratenes Privatleben kassieren würde.

Das Chaos brach schneller aus, als Anna denken konnte. Jo hatte Rosalie gebeten, sich um Anna zu kümmern. Sie sollte im Haus schlafen, damit Anna nicht gänzlich verloren wäre. Natürlich nahm Rosalie diesen Auftrag jubilierend an.
Nach zwei Tagen immerwährend unschuldig-beabsichtigter Berührungen hatte Anna die Schnauze gestrichen voll. Sie jagte die verliebte Köchin aus dem Haus und schloss alle Türen und Fenster, die sie finden konnte, zu.

Bob erfuhr rasch, dass Jo weg war und die Köchin ihr Engagement in der Pfarre verloren hatte. Er machte sich auf, um nach dem rechten zu sehen. Bob schlug ein Kellerfenster ein, weil Anna auf sein Klingeln nicht reagierte. Er hatte ein überaus ungutes Gefühl. Er fand Anna am Fusse der Wendeltreppe. Sie war im Taumel der Wut die Treppe heruntergestürzt.

Der Arzt verordnete ihr strikte Bettruhe und behandelte ihre gebrochenen Finger und ihre Prellungen am ganzen Körper. Für den Rest der Woche wohnte Anna bei Bob und Marie. Anna äusserte sich nicht über das Geschehene. Sie lag da und gab sich die grösste Mühe sich nicht zu bewegen.

Bob setzte sich schliesslich zu ihr hin und wollte mit ihr reden. Rosalies Version der Geschichte kannte mittlerweile jeder im Dorf. Anna hörte sich diese an und seufzte.
Rosalie hatte natürlich die ganze ungeschminkte Wahrheit über die bisexuelle, pervers veranlagte Schwester des ehrenwerten Herrn Pfarrer verbreitet.

Bob war geduldig. Zudem hatte er offensichtlich genügend Phantasie, um sich auszumalen, was wirklich geschehen war.
Dies sagte ihr auch auf den Kopf zu, worauf Anna nur müde nickte. Nebenbei bemerkte sie, er solle seine Sauereien gefälligst in seinem Kopf behalten, wo sie auch hingehörten.
Scheinbar hatten die Vorkommnisse sein besonderes Interesse geweckt. Er nahm ihre unverletzte Hand und versprach ihr, dass sie in jeder beliebigen Situation auf ihn zählen konnte, egal, was noch passieren würde. Das waren wirklich schöne Worte. Für Anna bedeuteten sie jedoch nicht mehr als die Summe der dazu verwendeten Buchstaben, was sie Bob auch schonungslos an den Kopf warf.

Bob liess sie wieder alleine. Das war auch gut so. Ruhe war das Elixier, das sie mit dem Leben verband.

Jo kam früher zurück. Jemand hatte ihm wohl die Sache mit Rosalie gesteckt. Bob stellte ihn, verantwortungsbewusst wie immer, zur Rede. Jo nahm das sehr gelassen.

Rosalie war ihren Job nun auch von Jos Seite her los. Sie hatte vergessen, seinen Gummibaum zu giessen. Bei solchen Dingen verstand Jo keinen Spass. All dies raubte Anna nicht den Schlaf. Von da an bestellte Jo sein Essen im Gasthof des Dorfes.

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17. Kapitel: Die Blinde als Moerderin

Beamter: Haben Sie schon einmal einen Menschen umgebracht?

Blinde: Ich habe jede Menge auf dem Gewissen.

Beamter: Man hat Sie jedenfalls genug bestraft: Sie sind ja jetzt blind.

Blinde: Wie haben Sie das bloss herausgefunden? Sie sind ja richtiggehend intelligent für einen Polizisten.

Beamter: Ich möchte Sie bitten, auf Ihre Wortwahl zu achten. Ich entnehme aus Ihrer Polizeiakte, dass Sie mit 13 das erste Mal von zuhause ausgerissen sind.

Blinde: Es war das erste und das letzte Mal. Ich bin nachher nie mehr nach Hause zurück.

Beamter: Warum haben Sie das getan?

Blinde: Ich hatte es satt, im Schoss einer Familie aufzuwachsen, die mich hasst.

Beamter:Wie kommen Sie denn darauf? Ihre Familie, Ihr Vater, Herr Kommerzialrat Sawatzki, ist doch als sehr ehrenwerter Mann bekannt. Ihre Mutter ist eine Wohltäterin.

Blinde: Da haben Sie recht. Sie tat vor allem jenem unwiderstehlichen Angestellten, der ihre Rosen zu pflegen hatte, viel Gutes. Sie hat ihm bestimmt sogar den Schwanz geleckt, bevor sie ihn vernascht hat. Nur hat sie dem ehrenwerten Herrn Sawatzki vergessen zu sagen, dass seine erstgeborene Tochter Tiziana Julietta nicht von ihm ist. Das ist der Grund für meine Flucht.

Beamter:Haben Sie denn wenigstens Ihren Vater gefunden?

Blinde: Schon. Nur konnte er sich nicht mehr an meine Mutter erinnern. Er hat sehr viele Gärten gepflegt.

Beamter:Sie waren immer wieder in verschiedenen Internaten. Hat es Ihnen da nicht gefallen?

Blinde: Nicht im geringsten. Ich wollte leben. Keine Nonne sein. Ich wollte entjungfert werden.

Beamter:Ist Ihnen wenigstens das gelungen?

Blinde: Ich denke schon. Er war ziemlich genau 40 Jahre älter als ich und hatte keine Arme und Hände.

Beamter: Ich glaube, ich habe genug gehört. Das reicht. Bitte gehen Sie.

Anna empfand die Aufregung um die Toten interessant und unnötig. Das Leben im Dorf entwickelte sich stetig zu einer endlosen Tatort-Folge. Natürlich war es noch immer das selbe, alte Kuhdorf. Das soziale Miteinander hatte deutlich an Bedeutung verloren Sonntags war die Kirche voll wie nie zuvor, Man konnte ja nie wissen, wann das Fernsehen eine exklusive Live-Schaltung in den Gottesdienst machte.

Der Organist, der Küster und die Ministranten waren nervöser denn je. An jeder Ecke der Kirche standen Kameras. Aufgeregte Fernsehleute pirschten wie Soldaten während eines Manövers herum. Die Zeremonie liess Anna an ein bombastisches Kasperle-Theater denken.

Bob und Marie sassen neben ihr. Anna fragte sich, wie sich Bobs Haut anfühlte. Natürlich war ihr klar, warum Bob in den unbequemen Bänken platz genommen hatte und seinen Hintern damit quälte.

„Geniess deinen Geliebten“, dachte sie. Ihr Bruder war ja auch zu schön.

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15. Kapitel: Teilzeit-Blinde

Nachdem Jo sich von der Schmach erholt hatte, die ihm Anna angetan hatte, beschloss er, frischen Wind in ihr Leben zu bringen. Er wollte Gesellschaft für seine Teilzeit-blinde Schwester beschaffen. Aus diesem Grunde lud er nun öfters Bob, Marie und deren Tochter Naomi zum Essen ein. Anna beneidete Naomi aus ganzem Herzen um deren gute Erziehung.

Sie konnte nur erahnen, wie idiotisch sie aussah, wenn sie mal wieder ihren Mund mit der Gabel nicht getroffen hatte. Sie kam sich vor wie ein Baby, klebrig und verschmiert.

Während der gemeinsamen Mahlzeiten ertappte sich Anna, wie sie von Zeit zu Zeit dem Klang von Bobs Stimme lauschen musste. Diese war tief und angenehm. Sie stellte sich vor, wie sie klingen musste, wenn er sehr erregt war.

Bob redete so gut wie nie irgendwelches unnützes Zeug, so wie andere Zeitgenossen es tun. Auch gab er nie gewollt witzig bis peinliche Bemerkungen von sich. Er trank in tiefen Schlücken und zerkaute in kräftiger Weise sein Essen.
Sie fragte sich manchmal, wie sein Gesicht oder seine Haare aussehen mochten. Sie hätte zu gerne an ihm gerochen. Ihren Bruder konnte sie in der Sache schlecht um Hilfe bitten. Der hätte eher, nur um ihr eins auszuwischen, den guten Bob nie mehr ins Pfarrhaus eingeladen.

Rosalie, die Köchin, war unübertrefflich, was Kochen anbelangte. Diskretion jedoch gehörte eindeutig nicht zu ihren Vorzügen. Jo hingegen hatte seine helle Freude an Rosalie. Anna beneidete sie nicht im geringsten. Dazu war das Essen auch viel zu gut. Rosalie war furchtbar aufdringlich im Umgang mit Jo’s Gästen. Sie kümmerte sich in so herzzerreissender Weise um deren Wohl, dass Anna die Frau am liebsten erschlagen oder erwürgen wollte.

Rosalie erzählte oft von ihrer Familie. Das hätte Anna noch nicht einmal so uninteressant gefunden. Doch Lebensgeschichten hatte sie weiss Gott schon in allen Varianten in Berlin gehört.

Und zudem erst noch bessere. Dabei war es wirklich immer das gleiche:
Geburt- Schulzeit- erstes Mal fummeln- die Welt entdecken- erstes mal Sex- erster eigener Fernseher- wichtige Entscheidungen treffen- Erfolg haben- wahnsinnig viel Kohle verdienen- abkratzen

Anna fühlte sich wie eine Prostituierte. Sie hörte den drögen Ausführungen einer noch viel langweiligeren Hausangestellten nur darum aufmerksam zu, um Kartoffelstock à la crème oder Nudelsalat „alla moda di Rosalie“ zu bekommen.

Jo war geduldig und verständnisvoll wie immer. Hätte es einen Preis für den schönsten Heiligen der Kirchengeschichte gegeben, so hätte Jo den Preis noch vor Jesus zugesprochen bekommen. Er lauschte ergriffen den Erläuterungen Rosalies und gab eifrig irgendwelche besonderen Ratschläge oder trostreiche Worte mit auf den Weg. Die Mahlzeiten mit Rosalie entwickelten sich langsam zur Tortur für Anna.

Sie erkannte langsam, was sie schon als Kind erahnt hatte. Jo war ein exzellenter Selbstdarsteller. Er spielte den guten Priester mit erhabenem Lächeln und Geduldsnervenstrang, mit dem sich ein Mörder aufhängen liesse, sehr überzeugend.

Er bemerkte wohlweisslich nichts von Annas wachsendem Misstrauen ihm gegenüber. Jo arbeitete weiter wie immer, als seien die Morde nie passiert. Manchmal zweifelte sie selbst an dem Geschehenen und ihren ganzen Entdeckungen.

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