24. Kapitel: Showdown

Irgendwann konnte sie in ferner Nähe einen Schuss hören, was sie zuerst gar nicht weiter beunruhigte. Doch als kein zweiter Schuss ertönte, wurde ihr übel.
Sie suchte das Telephon und bat die Auskunft um Bobs Nummer. Diese Nummer war ihre einzigste Verbindung nach draussen geworden.

Fünf Minuten später war er bei ihr. Sie fuhren mit seinem Wagen in den Wald hinein. Sie konnte das Klicken hören, als er seine Dienstwaffe entsicherte.

“Bleib hier und rühr’ dich nicht vom Fleck”, sagte er zu ihr.

Er liess sie allein. Sie hörte wiederum einen Schuss. Sie liess sich aus dem Wagen fallen und bewegte sich auf allen vieren auf dem weichen, von Schnee bedeckten Boden.
Sie hörte knirschende Schritte, die sich von ihr weg bewegten, bis sie nurmehr erahnbar waren.

Bob lag weiter vorne im Schnee. Sie konnte ohne weiteres sein Blut riechen. Er stöhnte.
Wo war Jo?

Bob murmelte unverständliches.
Sie nahm ihm seine Waffe aus der Hand und kroch vorwärts, bis sie vor sich einen Baum aufspürte. Sie lehnte sich an den Stamm.
Dann begann sie nach Nico zu rufen
„Die Bullen sind ohnehin gleich zur Stelle. Es hat keinen Sinn, dass du dich noch weiter wie ein elendes Tier verkriechst! Du bist ein elender, verfluchter Scheiss Bastard! Du Mörder!! Ich wünsche Dir, dass du in der Hölle verrottest, du gottverdammtes Arschloch!!!“

Sie japste nach Luft. Sie lächelte. Das war bitter nötig gewesen. Der Boden war gefroren. aber sie konnte jeden einzelnen seiner Schritte ausmachen. Er jedoch konnte sie scheinbar nicht sehen. Sie liess ihn näher kommen.

Sie wusste, wenn sie sich im falschen Moment bewegte, er sie arschkalt abknallen würde. Es würde ihr Ende sein, so oder so. Ihre Muskeln versteiften sich noch mehr und sie betete zu Gott, der sie wohl nicht erhöhen würde, um ein Wunder oder einen ganz schnellen Tod.

Dann stand Nico vor ihr. Sie hatte keine Ahnung, wie gross er war. Sie zielte nach seinem Atem und drückte solange ab, bis sie keine Munition mehr hatte.

Nico schrie wie ein wildes Tier und erhob, noch während er zu Boden sackte, seine Pistole in ihre Richtung. Er drückte ab. Sie konnte sich nicht mehr bewegen. Als sie bemerkte, dass er ihre Hand getroffen hatte, fiel sie einfach um.

Marie und Naomi konnten die Schüsse gut hören. Sofort rannte Marie mit Senn, dem netten Nachbarn, in Richtung Wald, woher die Schüsse gekommen waren. Das Bild, das sich ihnen bot, war grauenvoll.

Jo war tot. Dort, wo früher sein Gesicht gewesen war, befand sich nur noch ein blutiges Gewühl mit gelben Streifchen seines Gehirns. Nicos Oberkörper war ebenfalls total zerfetzt. Er war verständlicherweise tot. Bob war in den Bauch getroffen worden. Er war noch bleicher als sonst. Seine Atmung ging nur noch schwach.

Anna lehnte noch immer an ihren Baum. Ihre linke Hand war blutüberströmt.
Marie begann zu schluchzen, während Senn sich gurgelnd die Seele aus dem Leibe kotzte.

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23. Kapitel: Immer schneller bergab

„Manchmal wollte sie dreimal am Tag meine Bettlaken wechseln. Dann bist du, Anna, eingetroffen. Ich habe so sehr gehofft, dass alles sich endlich beruhigen würde. Es ist allerdings, wie ich zugeben muss, alles noch viel schlimmer geworden. Ich habe schliesslich all meinen Mut zusammen genommen und Nico erklärt, dass es keinen Sinn mehr habe mit uns beiden. Ich habe ihm gesagt, dass ich als Seelsorger der Gemeinde in erster Linie für alle anderen da sei. Nico ist daraufhin zusammengebrochen, hat nur noch gewinselt wie ein geschlagener Hund.

Doch ich habe sich von Nicos Geheule nicht erweichen lassen wollen. Nico hat sodann begonnen, lange Briefe voller Flehen und Liebesschwüre an mich zu richten. Ich habe ihn zur Raison rufen müssen. Schliesslich ist die Haushälterin misstrauisch geworden.“
Anna berührte die Hand ihres Bruders, doch er wehrte sie ab. Er hatte noch mehr zu erzählen.

„Zuerst ist die Haushälterin gestorben. Ich habe das für einen schlimmen Unfall gehalten, bis ich schliesslich erfahren habe, dass sie an ihrem Gebiss erstickt ist. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass Nico so etwas Schreckliches hätte tun können. Schliesslich fand man den kleinen Moser. Nico hat mir zu verstehen gegeben, dass noch mehr kleine Jungens dran glauben müssten, wenn wir beide nicht wieder ein Paar würden.

Ich habe Nico angefleht, sich zu stellen, da er krank sei. Zudem sollte wenigstens der armen Mutter Moser Gerechtigkeit verschafft werden.Nicos wahrer Charakter hat sich allerdings schnell gezeigt. Ich habe eine wahre Natter an seinem Busen herangezogen.“

Anna konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Nico ist ein kranker Mensch und benötigt Hilfe, da er seinem gewalttätigen Wesen wehrlos ausgesetzt ist.“

Anna widersprach ihm. Es war unfassbar.
Doch Jo liess sich nicht von ihr beirren und fuhr mit seinen Ausführungen fort.

„Nico hat weiter gemacht. Er hat sich einfach versteckt. Ich habe alles versucht, den Jungen von seiner Liebe und dem Töten abzubringen. Ich habe versucht, ihm weiszumachen, dass es einen anderen Mann gibt. So musste der kleine Huber sterben.

Dann ist es wieder ruhig geworden. Nico blieb nicht immer verschwunden. Seine Eltern glaubten, ihr Sohn sei in der Stadt. Aber ich wusste es besser. Nico wurde mein Schatten.“

Jo räusperte sich.
„Letzte Nacht schliesslich ist er gekommen.
Ich habe ihm erklärt, dass ich nichts mehr mit ihm zu schaffen haben will. Nico hingegen hat mit seinem Selbstmord gedroht, und dass er Bob für meinen Geliebten halte. Nico hat den Gedanken geäussert, den guten Bob dafür zu töten.Wir haben uns geprügelt, bis Nico das Weite gesucht hat. Ich bin ihm in den nahem Wald gefolgt, wo ich ihn schliesslich verloren habe.“

Anna beichtete ihm von ihrer Nacht mit Bob, und dass dieser Polizist sei. Das überraschte Jo gar nicht. Von Anfang an, wie er ihn bei dem Festmahl gesehen habe, habe er es gewusst.

Bruder Alphons, der beim Kochen geholfen habe, sei in seinem früheren Leben als Dieb tätig gewesen. Er habe in Berlin gearbeitet, wo er auch Bob getroffen habe. Alphons habe sich noch gewundert, warum sich jener hoffnungsvolle junge Kriminalbeamte zum drögen Gemeindekanzlisten habe degradieren lassen.

Anna fragte ihn, was er nun zu tun gedenke.
Jo seufzte.
“Ich werde in den Wald gehen, ihn suchen und zur Rede stellen.”
Sie nickte, umarmte Jo ein letztes Mal und küsste ihn auf die stoppeligen Wangen.
“Du bist mein bester Bruder.”
Dann ging Jo davon.

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22. Kapitel: Wahrheiten und Beichten

Sie brauchte ziemlich lange, bis sie wieder ins Pfarrhaus zurückgefunden hatte. Sie war nicht einmal mehr besonders überrascht, dass sie ihren Weg allein gefunden hatte. An diesem Tag, das meldete ihr Bauch, würde sie noch zu ganz anderen Dingen fähig sein müssen.

Jo war in der Küche.
-Woher kommst du?

Sie antwortete nicht und ging wortlos an ihm vorbei, die Treppe hinauf. Irgendwann konnte sie sein Schluchzen hören.
Schliesslich klopfte es an ihre Türe. Jo trat ein und nahm sie bei der Hand. Sie setzten sich auf das alte, knorrige Sofa.

Jo hielt sie noch immer fest, wie ein Kind, das das herannahende Gewitter ahnt und fürchtet.
Schliesslich begann er, ihr alles der Reihe nach zu erzählen:

„Alles hat damit angefangen, dass ich diesen jungen Mann gesehen hatte. Nico war sechzehn, hatte leuchtend pechschwarzes Haar und war der hübscheste Junge, den ich je gesehen hatte. Natürlich war ich von ihm angezogen gewesen.Aber ich hatte es mir selbst auferlegt, nie etwas mit einem Minderjährigen anzufangen. Nico war auffällig oft zu mir in die Beichte gekommen. Schliesslich bin ich an einem stürmischen Abend in die Kirche gekommen, weil ich glaubte, seltsame Geräusche vernommen zu haben. Nico ist einfach so dagesessen und hat mich angesehen. Ich habe ihn zur Rede stellen wollen, doch Nico reagierte nicht auf meine Worte. Nico eröffnte mir, dass er mich, den Herrn Pfarrer über alles in der Welt liebe.

Zuerst wollte ich ihn umstimmen, ihm die Sache ausreden, ihm zu verbieten an mich zu denken. Doch dann ist mein tiefer Wunsch nach Nico stärker als alles andere gewesen.
Niemals zuvor habe ich soviel empfunden, wie als ich mit Nico zusammen war. Der Widerglanz des Schweisses auf dem Körper des Jungen hat mich beflügelt und in alle Höhen des Himmels schweben lassen.“
„Jo.“ flüsterte Anna, „was hast du getan?“

Nach dem Akt seien sie bestimmt noch eine Stunde erschöpft am Boden gelegen und hätten sich zaghaft wie Kinder berührt. Als er wieder im Pfarrhaus gewesen sei, habe er sich so elend wie ein totes Stück Fleisch gefühlt. Er habe nicht einmal mehr in Ruhe schlafen können.

Das habe sie beide aber nicht davon abhalten können, bei jeder sich bietenden Gelegenheit miteinander zu schlafen. Irgendwann habe er vermutet, dass seine alte Haushälterin etwas bemerkt haben musste,
Anna schluckte leer. Die Haushälterin. Natürlich.

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